Sendai - Geotope

Sendai- Geotope

Time To Express / Clone
VÖ: 26.03.2012

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Circus minimus

Tanzen, und zwar auf Teufel komm raus. Nichts als Tanzen. Bis die Füße glühen und der Wodka Mate alle ist. Immer nur Tanzen. Zu den immergleichen Four-to-the-floor-Beats mit den immergleichen Hi-Hats. Es scheint, als habe sich ein Großteil der elektronischen Musik auf dieses Club-Szenario konzentriert - was ja auch nicht zu verurteilen ist. Beschallt man jedoch die eigenen vier Wände mit der Musik der gestrigen Nacht, setzt oftmals Ernüchterung ein.

Das könnte natürlich an vielerlei Faktoren liegen: An 9,99-Euro-Media-Markt-Boxen, an Mitbewohnern mit Techno-Allergie, am fehlenden Drogenkonsum oder an der Tatsache, dass der gemeine Tanzmensch ein Herdentier ist und erst in einer solchen richtig abhotten kann. Meistens liegt es jedoch an der Musik selbst. So ist vieles, was man sich an elektronischer Musik außerhalb eines Clubs zu Gemüte führt, so narkotisierend wie der Sandmann höchstpersönlich und so überraschend wie das neunundreißigste Album der Kastelruther Spatzen (Es sind ungelogen 39 Alben).

Doch es gibt sie noch, die Ausnahmen im Musikantenstadl der Elektronik. Vorhang auf für Sendai, ein Projekt von Yves De Mey und Peter van Hoesen. Während ersterer bisher vornehmlich Sounds für Theateraufführungen und Klanginstallationen bastelte, füllte letzterer schon diverse Tanzböden. Gemeinsam durchbrechen sie nun die Grenzen der Tanzdiktatur und erkunden unbekannte Pfade. Formelhafte Beats sucht man hier vergeblich. Vielmehr scheint der Beat selbst nicht ganz zu wissen, wo er hin will. Er taumelt und verharrt, macht einen Ausfallschritt zur Seite und strauchelt weiter wie in "A refusal to celebrate a statistical probability" oder in "Further vexations".

Sendai kreieren eine kontinuierliche Spannung, ohne für Entlastung zu sorgen. Das altbekannte Schema eines sich im orgasmusartigen Höhepunkt entladenen Tracks wird hier bewusst durchbrochen. Auf diese Weise entstehen minimalistische Gebilde von verstörender Schönheit. Wo sich bei Techno-Kollegen wie The Field unendlich weite Landschaften vor dem inneren Auge auftun, entwerfen Sendai zerklüftete Welten, in den man sich durchaus verlaufen kann. "EP2010-4" ist solch ein Monstrum, ein Dubstep-artiger, wabernder Über-Track.

Die berechtige Frage lautet: Ist das noch Musik oder schon Klangforschung? Nun, es sind sicherlich keine in vollem Fleisch stehenden Songs, sondern klappernde Skelette, die sich dem Vier-Viertel-Gleichschritt verweigern. Das kann anstrengend sein, aber auch sehr befriedigend. Also: Zur Abwechslung mal die Beine hochlegen und die Gedanken tanzen lassen.

(Marco Wedig)

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Highlights

  • Further vexations
  • EP2010-4
  • Geotope

Tracklist

  1. Terminal silver box
  2. Following the constant
  3. A refusal to celebrate a statistical probability
  4. Win trepsit/brief delay
  5. Further vexations
  6. EP2010-4
  7. Geotope
  8. Emptiness of attention

Gesamtspielzeit: 46:44 min.

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