Great Lake Swimmers - New wild everywhere

Great Lake Swimmers- New wild everywhere

Nettwerk / Soulfood
VÖ: 30.03.2012

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Die Stimmungsmacher

Der erste Song des Albums, er lockert schon mal die Stimmung auf, ohne aufdringlich zu wirken. Mit dem oder der Liebsten unter der Decke kuscheln und sich verliebte Blicke zuwerfen, dazu aus der Ferne ein Chor, leise Streicher, vielleicht ein Piano. Der vierte Song, die ganze Mannschaft sitzt ums Lagerfeuer herum, einer zupft an der Gitarre, zwei singen leise dazu, alle trinken ein Bierchen und genießen den lauen Sommerabend. Der neunte Song, und der Wind weht die Blätter auf, die bei herbstlichen Temperaturen von den Bäumen gefallen sind und nun ein leises Knistern unter den Schuhen von sich geben. Es wird schneller dunkel, das graue Wetter will sich aufs Gemüt legen, wird aber durch die folkigen Melodien ins Positive umgewandelt. Und schließlich der elfte Song, draußen ist es kalt und es schneit, und die feierliche Stimmung zum Schluss weckt Kindheitserinnerungen, als Mama am Sonntagmorgen Pfannkuchen gebacken hat und der Ahornsirup genauso zuckersüß geschmeckt hat wie die Musik gerade.

Genau so sind die Alben der kanadischen Band Great Lake Swimmers: voll warmer, wohliger Songs, für die zu jeder Jahreszeit und in jedem Gefühlszustand ein bisschen Platz ist. Songs zu denen der Hörer leise mitsummen oder sie laut herausschreien möchte, zu denen man in urplötzlichem Eifer Holz hacken gehen mag oder eine lange Reise durch ewige Landschaften starten will. All das hatte auch etwas mit der besonderen Machart zu tun, mit den vielen verschiedenen und ungewöhnlichen Orten, an denen die Lieder entstanden. Kein Wunder also, dass sich ob des Aufnahmeortes von "New wild everywhere" ein Stirnrunzeln kaum vermeiden lässt. Denn das fünfte Album der Great Lake Swimmers entstand in einem normalen Tonstudio - eine Premiere für die Band um Mastermind Tony Dekker. Klingen sie deshalb weniger authentisch, weniger sphärisch, oder wird sich die neue Produktion womöglich auf das gemütliche Ambiente auswirken? Bereits die ersten Minuten im Opener "Think that you might be wrong" erinnern deutlich an die glattproduzierten Arrangements des Vorgängers "Lost channels", sind aber nicht so kalt wie die darauf enthaltenden Stücke. Und auch sonst stellt "New wild everywhere" wieder einen kleinen Fortschritt dar.

Dass das Quintett dabei immer kurz vorm Kitsch steht, tut der Sache gar keinen Abbruch. "The great exhale", der einzige Song, der nicht im Studio aufgenommen wurde, sondern in einer verlassenen U-Bahn-Station in Toronto, ist eine Folk-Ballade, die von Streichern und Dekkers Gesang getragen wird, während er mitsamt Akkordeon und Barklavier auf "Ballad of a fisherman's wife" zum Geschichtenerzähler wird und seinem Unmut über die 2010er Ölkatastrophe im Golf von Mexiko Ausdruck verleiht. All das kann Dekker und sogar noch mehr. So gerät "Easy come easy go" zu, naja, einer halben Rocknummer, und mit "Parkdale blues" findet auch das allgegenwärtige Thema der Entfremdung und Einsamkeit wieder. Nachdem er und seine Kollegen den Hörer auf "New wild everywhere" glücklich und nachdenklich gemacht und sogar etwas aufgebracht haben, ist es nur konsequent, dass das traurigste Stück des Albums zum Schluss kommt: "On the water" zieht so weit herunter, wie es nur geht, der kleine Hoffnungsschimmer in den letzten Sekunden sorgt immerhin für einen kleinen Aufschwung, und doch bleibt am Ende nur eins, um die Stimmung wieder aufzuhellen: "Play" drücken und alles nochmal hören.

(Jennifer Depner)

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Highlights

  • Think that you might be wrong
  • The great exhale
  • The knife
  • On the water

Tracklist

  1. Think that you might be wrong
  2. New wild everywhere
  3. The great exhale
  4. The knife
  5. Changes with the wind
  6. Cornflower blue
  7. Easy come easy go
  8. Fields of progeny
  9. Ballad of a fisherman's wife
  10. Quiet your mind
  11. Parkdale blues
  12. On the water

Gesamtspielzeit: 53:44 min.

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