Cannibal Corpse - Torture

Cannibal Corpse- Torture

Metal Blade / SPV
VÖ: 09.03.2012

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Blood brothers

Cannibal Corpse haben es mit ihrer neuen Platte "Torture" schwerer als sie es vor zwanzig Jahren gehabt hätten. Dereinst gingen Moralisten und mediengeile Profilneurotiker gleichermaßen auf die Barrikaden. Der Grund: gefühlsecht vertonte Horrormärchen um Blut, Kadaver und Gedärme, mit denen Cannibal Corpse "Parental Advisory"-Sticker sammelten wie normale Menschen Briefmarken. Es gab eine Zeit, etwa Mitte der 90er, da war ein T-Shirt mit dem Covermotiv von "Tomb of the mutilated" an jeder zweiten Realschule Deutschlands für einen Schulverweis oder einen Eintrag ins Klassenbuch gut. Das war einmal. Dies ist die Welt nach Mario Barth, nach Eskimo Callboy, nach Gummibärchen-Eis und eine Welt nach Christian Wulff. Es ist eine Welt, in der die Realität die Schauermärchen von einst längst überrumpelt hat wie eine Blu-ray-Disc die gute alte Betamax-Kassette. Es ist eine Welt, in der man nicht mehr aus der Toilette treten kann, ohne Ausschlag zu kriegen. In einer Welt ganz ohne Geschmack, reicht es nicht mehr aus, geschmacklos zu sein, um aufzufallen. Ab jetzt zählt bei Cannibal Corpse nur noch eins: die Musik, die Musiklehrer auch heute noch nie so nennen würden. Und die macht auf "Torture" noch immer so wuschig wie "Eaten back to life" vor zwanzig Jahren. Fast, zumindest.

Noch immer ist nicht klar überliefert, welche Schneidwerkzeuge Cannibal Corpse mit ihrer Musik alles imitieren wollen. Sicher ist nur: Sie lassen ihren Hörern auch auf ihrer "Torture"-Platte keine Zeit, darüber nachzudenken. Gleich der erste Track, "Demented aggression", bringt seine Gitarren zum Kreischen wie alle Bohrer beim Zahnarzt zusammen. Kaum sind sie angelaufen, schlitzen sie einem Bauchdecke, Kehle und Trommelfell auf. Dann spritzen Blut, Eingeweide und Achselschweiß. Die Bass-Drum am Schlagzeug wird verdroschen, als ginge es um einen Stresstest für die Fußmaschine. Erst gegen Ende drosseln Cannibal Corpse das irrwitzige Tempo und legen ein kurzes Break ein. Es wird nicht lange dauern, gerade mal solange, dass sie den Eiter an ihren Klingen am Hosenboden abwischen können. Dann schalten sie auf einen Stakkato-Rhythmus um, der klingt, als würden Cannibal Corpse versuchen, einem Nashorn die Schädeldecke mit einem Presslufthammer zu knacken. Im Anschluss: Stille. Geschafft. Noch am Leben. Und elf weitere Mord-Attentate, die sich als Songs ausgeben, liegen noch vor einem.

Ohne Frage: Wären Snuff-Filme Samstagabend-Unterhaltung, die Marketingabteilung würde Trailer dazu mit Musik von "Torture" unterlegen - und die Liedtitel gleich als Filmtitel übernehmen. "The strangulation chair" heißt ein weiterer Song dieser stilvoll geschmacklosen Krach-Platte. Auch ihn hätten Cannibal Corpse mit einem Beilagenzettel ausliefern müssen, der Herz-Kreislauf-Patienten rücksichtsvoll zum Regal mit den Silbermond-Platten lotst. Und Leben rettet. Schließlich packen sie auch dort wieder ihre Kreissägen aus, wechseln Taktarten durch wie Laufsteg-Models ihre Garderobe und lassen Gitarrensoli von der Leine, die scheinbar gegen alles ankämpfen, was im Rest des Songs passiert: das geordnete Chaos, das bisschen Struktur, die technisch mal wieder tadellos runtergeholzten Nackenschlag-Riffs. Mag sein, dass "Torture" für keinen Skandal mehr gut ist, selbst wenn es für den deutschen Markt mal wieder ein Extrawurst-Covermotiv gibt, das auch Killerspiel-Gegner sanft wie Schmusekater stimmt. Fast skandalös gut gespielt ist es über weite Strecken trotzdem.

(Sven Cadario)

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Highlights

  • Demented Aggression
  • Scorge of iron
  • Torn through

Tracklist

  1. Demented aggression
  2. Sarcophagic frenzy
  3. Scourge of iron
  4. Encased in concrete
  5. As deep as the knife will go
  6. Intestinal crank
  7. Followed home then killed
  8. The strangulation chair
  9. Caged...contorted
  10. Crucifier avenged
  11. Rabid
  12. Torn through

Gesamtspielzeit: 43:52 min.

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