Ian Anderson - Thick as a brick 2

Ian Anderson- Thick as a brick 2

Chrysalis / EMI
VÖ: 30.03.2012

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Der Parabelflug

Es gibt Dinge, die tut man einfach nicht. Ian Anderson könnte sich im Spätherbst seiner Karriere auf seinem Landsitz in Wiltshire zur Ruhe setzen, seinen MBE-Orden putzen und Geld zählen. Warum nur kommt er allerdings auf die Idee, nach schlappen 40 Jahren einen Nachfolger des wohl vielschichtigsten Jethro-Tull-Albums "Thick as a brick" aufzunehmen? Und warum das Ganze nicht etwa mit den alten Genossen um Gitarrist Martin Barre, sondern solo? Denn eines ist mal klar: "Thick as a brick" war 1972 nicht irgendein Album, es war ein Meilenstein des Genres und das unbestrittene Opus Magnum der Flötenrocker.

Nun ist Anderson allerdings nicht nur der einbeinigste Querflötist der Musikszene, sondern auch ein liebenswürdig-schrulliger Exzentriker. Denn auf die Idee, nicht etwa das lyrische Konzept, sondern vielmehr die Rahmenhandlung um das fiktive junge Dichtertalent Gerald Bostock fortzusetzen, muss man erst einmal kommen. Dass die damalige Verpackung, eine Zeitung namens "St. Cleve's Chronicle", nun zum Nachrichtenportal www.stcleve.com wurde, ist daher natürlich nur konsequent. Und selbstverständlich lohnt es sich, einmal in die Nachrichten einzutauchen, Konzertwerbung für einen gewissen Musiker einmal eingeschlossen.

Was also hätte aus Gerald Bostock werden können? Eine Karriere als Dichter blieb dem Knaben nach der umstrittenen Disqualifikation aus dem Schulwettbewerb bekanntermaßen verwehrt, also irrlichterte Bostock als Banker, Obdachloser, Soldat oder Prediger durch sein Leben - Vehikel für teils beißende Kritik von Anderson an selbige Klientel, verpackt in ganze 17 teils nur eine Minute kurze Songs oder gar hörspielartige Intermezzi. Das hemmt den Hörfluss mitunter durchaus, ist natürlich aber auch ein feinsinniger Stinkefinger an heutige Gewohnheiten, bestand Teil 1 doch aus einem einzigen monolithischen Brocken, nur geteilt durch die natürlichen Grenzen des Vinyls.

Musikalisch fehlt "Thick as a brick 2" allerdings bei aller Skurrilität die monumentale Wucht des Vorgängers. Teils dem nach mehreren Kehlkopf-Operationen doch mittlerweile arg ramponierten Stimmvolumen geschuldet, verlegt sich Anderson vielmehr auf eher filigrane Klänge, auch wenn das giftige "Banker gets, banker wins" oder Teile von "Swing it far" die Ausnahme von der Regel darstellen. Wäre da nicht der allgegenwärtige Sarkasmus, man könnte glatt von Altersmilde sprechen. Die Leichtigkeit, bisweilen gar Schwerelosigkeit, sollte also keineswegs mit Seichtheit verwechselt werden.

Dennoch erinnert wenig an die große Zeit der frühen Siebziger; vielmehr klingt "Think as a brick 2" mitunter kantenlos wie beispielsweise "Rupi's dance", das letzte Soloalbum des Briten. Was diese Platte trotz alledem spannend macht, sind neben so manchen tollen Songs die kleinen Bosheiten, die es zu entdecken gilt sowie nicht zuletzt der warme, perfekte Sound von Steven Wilson, der zu den jeweils 40-jährigen Jubiläen sowohl Teil 1 als letztes Jahr auch "Aqualung" remastern durfte. Und wenn "Thick as a brick 2" dafür sorgen sollte, dass der Schallplattenspieler wieder aus dem Keller geholt wird, ist ein Meisterwerk wahrhaft gewürdigt worden. Warum also tut sich Anderson diese Gratwanderung mit fast 65 Jahren an? Weil er's kann.

(Markus Bellmann)

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Highlights

  • Banker bets, banker wins
  • Old school song
  • Shunt and shuffle
  • A change of horses

Tracklist

  1. From a pebble thrown
  2. Pebbles instrumental
  3. Might-have-beens
  4. Upper Sixth loan shark
  5. Banker bets, banker wins
  6. Swing it far
  7. Adrift and dumbfounded
  8. Old school song
  9. Wootton bassett town
  10. Power and spirit
  11. Give till it hurts
  12. Cosy corner
  13. Shunt and shuffle
  14. A change of horses
  15. Confessional
  16. Kismet in suburbia
  17. What-ifs, maybes, might-have-beens

Gesamtspielzeit: 53:39 min.

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