Madonna - MDNA

Madonna- MDNA

Interscope / Universal
VÖ: 23.03.2012

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Mädchenträume

Stellen wir das Positive doch einfach mal an den Anfang: Madonna 2012 hat alles zwischen Timberlake und -land zum Teufel gejagt. Madonna 2012 besitzt auch sonst kaum noch Urban-Music-Ambitionen, sondern konzentriert sich auf ein wenig 1980er-Retro und eine Menge Dance-Pop. Madonna 2012 sieht zudem nach wie vor nicht aus wie Madonna 2012, sondern erneut wie Madonna 1986/1992/2003. Und, am wichtigsten: Madonna 2012 klingt stimmlich doch tatsächlich wieder nach ... Madonna. Weniger schön: Man muss in seinem Einstiegsabsatz gar nicht erst drölftausendmal "Madonna" schreiben, damit der Leser weiß, um wen es geht. Denn in ihrer immer mehr zur Profilneurose neigenden Selbstdarstellung macht Madonna aus ihrem zwölften Album "MDNA" ohnehin einen kolossalen Werbeblock für sich selbst.

Was genau daran jetzt neu sein soll? Eben das ist das Problem. Beziehungsweise: Es wird zu einem, wenn man sich bewusst macht, wie hilf- und haltlos Madonna bei ihrer CI mittlerweile rüberkommt. So zwingt sie in der Vorabsingle "Give me all your luvin'" M.I.A. und Nicki Minaj (wie einst ja auch Tante Timberlake), ihren Namen durch den Beat zu cheerleadern. Wenn die beiden dann allerdings im Mittelteil richtig loslegen, sieht Madonna genau das, was sie ansonsten tunlichst zu vermeiden sucht: ziemlich alt aus. Zudem steckt das Lied textlich wie videotechnisch derart voller Ironie-Egomanie, dass von einem souveränen Umgang mit der eigenen Figur kaum gesprochen werden kann. Auch Video und Klangfarben von "Girl gone wild" ergeben sich völlig Madonnas trotzig durch die Jahrzehnte räkelnden Gliedmaßen. Da aber auch hier lediglich ein Eigenzitatfeuerwerk abgebrannt wird, verkeilt sich ihr so dezidiert gelenkiger Körper mit dem Ungelenk der Selbstdarstellung. Frivol ist mittlerweile nur noch genau das, nicht etwa die züngelnden Modelkörper im "Justify my love"-Grauweiß.

Nun gut, dieser Versuch, die alte hippe Authentizität ausgerechnet aus den einst geschaffenen Parallelwelten hervorzuschwindeln, könnte natürlich auch eine neue spannende Kopplung ergeben - wenn man eben nicht ständig das Gefühl hätte, Madonna ausschließlich beim Scheitern zu beobachten. Deshalb lässt sich auch die Musik einfach mal für zwei lange Absätze hintenanstellen, da sie Madonna selbst auch nicht mehr vorrangig interessiert. Hiermit geschehen, um sogleich zu konstatieren: Musikalisch ist "MDNA" das beste Madonna-Album seit, sagen wir mal, ihrem letzten ziemlich guten Album. In jedem Fall aber ist es ein beachtlicher Sprung nach vorne im Vergleich zum ärgerlichen Vorgänger "Hard candy". Zwar geht das eröffnende Dreigestirn zwischen Eurodance, House und Four-to-the-floor im Wummsfaktor absolut klar, ist aber nicht eben erfolgreich beim Bemühen um einen eigenen Zungenschlag. Zwar ist zudem ein exorbitanter Ausfall wie "Gang bang" darin enthalten, der krümeligen P-Funk und Techno-Käse mit unsäglich albernen Pistolenschüssen und Formel-Eins-Gesause ausflockt. Zwar wird, wenn Madonna schließlich auch noch durchs Finale "bitched", überdeutlich, dass hier jemand viel zu sehr will, aber keinen Schimmer hat, was, wie oder warum überhaupt. Ansonsten aber hat "MDNA" eben sehr viel Besseres anzubieten.

Bei "I'm a sinner" etwa klatscht es auf den Beat wie bei "Holiday" und zupft die Gitarre als Nachklapp zu "Don't tell me", während Madonnas Stimme so sattelfest wie selten im Song sitzt. Ebenso "Love spent", das die Schallgrenze zu den 1980ern und wieder zurück aufraut, indem es erneut vor allem Madonnas Stimme mitnimmt und nicht irgendwelche Zeitreisensounds. "Turn up the radio" verdichtet die Trademarks des Beginns doch noch in einen rundum gelungenen Song. Zu "Some girls" knarzt es zunächst berechenbar durch die Frequenzen, letztlich rettet ein Space-Funk-Refrain aber all das, was nicht ohnehin schon glückt. Der Gitarrenpop von "Superstar" geht genau richtig nach vorne, selbst "Uh-La-La"s und "Super-duper"s stören nicht weiter, wenn der Beat immer wieder kraftvoll hervorbollert. Und auch das Balladendrittel geht mit "Masterpiece" und "Falling free" gar zurück zu "Ray of light". Ja, auch hier kullern die Reminiszenzen. Allerdings bricht sich die Queen mit solchen Songs keineswegs einen Zacken aus der Krone. Eher ganz im Gegenteil.

So ist die Ultraverkrampftheit, mit der Madonna mittlerweile um ihren Status kämpft und dabei nicht etwa "L-U-V", sondern "Ich! Hier! Hallo?!" skandiert, vielleicht sogar der Grund dafür, dass sich die Musik erfreulich locker macht. Dass ihre Songwriter- und Produzenten-Armada - diesmal unter anderem Martin Solveig, William Orbit, Mika, Benny Benassi und Jean-Baptiste - durch die Bank weiß, wie das geht mit dem Dance und dem Pop, ist ohnehin keine Frage. Und wenn sie, wie hier, den nötigen Freiraum bekommen, ist das wunderbar zu hören. So schreiben sie halt einfach mal Songs, die auf Madonnas Stimme passen und nicht auf ein Konzept-Tralala, das schon lange ganz andere Kaliber gepachtet haben. Das hat dann auch albumübergreifend den Effekt, dass sich all das textliche Girl-hier-girl-da durchaus nachvollziehen lässt. Man kann das zwar Spätpubertät und Alterstarrsinn zugleich nennen - doch immerhin klingt es logisch, wenn diese fatale Mischung aus Madonnas Lungenflügeln dringt. Die Queen 2012? Steht vor dem Spiegel und summt sich eins, während ihr Hofstaat um sie herum Party macht. Nicht die königlichste, aber auch keineswegs die schlechteste Idee.

(Tobias Hinrichs)

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Highlights

  • Turn up the radio
  • Superstar
  • I'm a sinner
  • Masterpiece

Tracklist

  1. Girl gone wild
  2. Gang bang
  3. I'm addicted
  4. Turn up the radio
  5. Give me all your luvin' (feat. Nicki Minaj & M.I.A.)
  6. Some girls
  7. Superstar
  8. I don't give a (feat. Nicki Minaj)
  9. I'm a sinner
  10. Love spent
  11. Masterpiece
  12. Falling free

Gesamtspielzeit: 50:52 min.

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mirko
2013-01-05 02:35:03 Uhr
ach.... verflucht sollt ihr sein.....
mdna ist ein wircklich tooles album aufjedenfall um einiges besser als hard candy
Marikiki
2012-03-28 18:32:08 Uhr
Genauso schlecht wie die neue The Shins. Und die ist schon grottig.
peng peng peng
2012-03-28 15:24:03 Uhr
m.i.a. ist doch eh nicht mehr ernstzunehmen. lässt sich von nem reichen schnösel schwängern und geht nur noch kunstevents.
musie
2012-03-28 14:35:43 Uhr
9-12 sind übrigens die lieder von orbit (ray of light)..

eigentlich besteht das album ja aus drei ep's:
- lieder von benassi (house)
- lieder von solveig (billig charts electro)
- lieder von orbit (rayoflightära)
Castorp
2012-03-28 14:32:05 Uhr
Am bescheuertsten finde ich, dass M.I.A. sich bei Madonna anbiedert und umgekehrt...
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