Unheilig - Lichter der Stadt

Unheilig- Lichter der Stadt

Vertigo / Universal
VÖ: 16.03.2012

Unsere Bewertung: 2/10

Eure Ø-Bewertung: 4/10

Kurzer Prozess

Alle sind sie gekommen. Klar, die Sache ist schließlich brisant, es gilt einen Ruf zu verteidigen. Nacheinander kommen sie durch das schmale Fenster geflogen, während fahles Mondlicht den Saal nur minimal erhellt. Mit blassem Teint und scharfen Augen haben sie sich um die schwere Eichenholztafel gesetzt. Ein Blick in die Runde offenbart, dass dies heute eine wichtige Angelegenheit ist. Die Größten der Großen sind erschienen, haben ihre weltlichen Aufgaben stehen und liegen gelassen, ihre menschlichen Masken abgenommen. In der Jury: Bela B., der vermeintliche Quatschkopf der Runde, Desirée Nick, bei ihr war man sich ja nie so ganz sicher, und natürlich sind auch die Legenden Klaus Kinski und Max Schreck anwesend. Und das, obwohl sich die beiden Brüder aus dem ewigen Geschlecht der Nosferatu überhaupt nicht leiden können. Mit langsamem Schritt nähert sich der Präsident und Zeremonienmeister der Menge, nimmt am schattigen Tischkopf platz. Graf Zahl war nun seit 300 Jahren Vorsitzender der Sozietät, folglich hat er bereits einiges erlebt. Doch diesen Verrat, diese Heuchelei konnten er und seine Brüder und Schwestern im Geiste nicht auf sich sitzen lassen. Graf Zahl erhebt das Wort, die Sitzung beginnt, wir müssen jetzt ruhig sein. Also pssst.

Liebe Freundinnen und Freunde, Kolleginnen und Kollegen, wir haben uns heute und hier aus einem traurigem Anlass versammelt, um in der Sache "Bernd Heinrich Graf", Sozietätsvorsitz Kreis Aachen, zu entscheiden. Lange haben wir die verschiedenen Argumente abgewogen, doch die Enttäuschung war schlussendlich zu groß. Er, der es sich erdreistet, den Titel "Graf" zu tragen, hat all unsere Ideale verkauft. Unser Vertrauen wurde missbraucht, mit Füßen getreten. Einst sorgte er noch für Furcht und Schrecken unter den Menschen, ein Ziel, dem wir uns alle in gewisser Weise verschrieben haben! Doch vor nunmehr zwei Menschenjahren begann die Fassade "Unheilig" zu bröckeln. Alleine der Titel dieses fürchterlichen Stückes, mit dem er die unwissende Menschenschar um den Finger wickelte: "Geboren um zu leben" - wie das klingt! Seine anbiedernde Art ist uns ein Gräuel, er hat sich zum Sklaven der Hausfrauen und Fleischereifachverkäuferinnen gemacht, seine unmoralischen Wertvorstellungen über Bord geworfen! Gut, so richtig leiden konnten wir ihn und seine Kunst ja per se nicht. Aber mit seinem chart-enternden Machwerk "Große Freiheit" spuckte er in unser aller Gesicht. Da wir aber allesamt loyale Wesen sind, wollten wir den Berndi von Unheilig nicht vorverurteilen, gaben ihm, in einem Anflug menschlicher Naivität, eine zweite Chance. Ärgerlich! Unlängst habe ich Euch, liebe Sozietätsmitglieder, das neue Unheilig-Album zukommen lassen, das Beweisstück seiner wiederholten Dreistigkeit.

Dieses Unwerk besticht durch Kooperationen mit Wesen, die wir von Grund auf verachten: blutleeren Soul-Waschlappen! Kein Blut, dafür Seele, einfach unausstehlich! Andreas Bourani und Xavier Naidoo heißen seine beiden Vasallen, und man darf rätseln, wer sich hier auf wessen niedriges Niveau herabgelassen hat. Bernd und seine Gruppe bewegen sich auf das glatte Eis der affektierten Schmierigkeit, seifiger Weichspüler für unsere feinen Ohren. Sei es das pathetische "Wie wir waren" oder die erniedrigende Dünnbrettbohrerei "Zeitreise", Unheilig klimpern und heulen, spielen Nachmittagsdudelgothrock mit minimalstem Gothrock-Anteil. Manchmal lassen sie dann als Kontrast ihre Muckis spielen, biedern sich bei Freunden des primitiven Bergarbeiterindustrial der Marke Rammstein an, klingen aber nicht ein My provokativ. So stellt sich mir die Frage: Ist Bernd Heinrich Graf ein Saboteur, ein V-Mann der gutbürgerlichen Menschlichkeit? Liebe Anwesenden und Verwesenden, so kann und darf es nicht weitergehen. Wir haben in der Vergangenheit viel ertragen müssen, man denke an all die Eisblumen, Nu Pagadis oder diesen Hochstapler Witt. Doch irgendwann ist der Rubikon endgültig überschritten. Dieser Zeitpunkt ist spätestens mit "Lichter der Stadt", diesem musikalischen FDP-Parteitag, gekommen. Sehr geehrte Sozietätsmitglieder, die Jury zieht sich nun zur Ausschluss-Beratung zurück.

Puh, welch flammendes Plädoyer! Graf Zahl erntete frenetischen Zwischenapplaus und wohlwollendes Kopfnicken, offenbar sind sich alle Versammelten einig. Bernd Heinrich Graf wird der Sozietät wohl verwiesen, womit auch der Verlust seines Grafen-Titels einher geht. Die anwesenden Rechtsxperten vermuten, dass es weitere Sanktionen geben wird. Eventuell muss gar die Band ihr Präfix "Un-" gegen das viel passendere "Schein-" austauschen. Schlimmstenfalls drohen Bernd Heinrich Graf und seiner Truppe gar eine lebenslange Zwangseinweisung in das Zombieland der deutschen TV-Landschaft, den ZDF-Fernsehgarten. Doch dies wirft die Frage auf, ob sich Unheilig dort - zwischen anderen Untoten wie Andrea Berg, Michael Wendler und den Amigos - nicht sogar wohlfühlen dürften. Wie wir sehen, öffnet sich die Tür der Jurykammer unerwartet früh. Die Beratung ist vorbei, die Entscheidung über das Strafmaß steht fest. Bela B., Graf Zahl, die olle Nick und die Gebrüder Nosferatu nehmen wieder ihre Plätze ein. Graf Zahl schaut in die Runde, sein ernster Gesichtsausdruck lässt keine Fragen offen.

(Kevin Holtmann)

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Highlights

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Tracklist

  1. Das Licht (Intro)
  2. Herzwerk
  3. So wie Du warst
  4. Tage wie Gold
  5. Wie wir waren (feat. Andreas Bourani)
  6. Unsterblich
  7. Feuerland
  8. Lichter der Stadt
  9. Ein guter Weg
  10. Ein großes Leben
  11. Brenne auf
  12. Zeitreise (feat. Xavier Naidoo)
  13. Das Leben ist schön
  14. Eisenmann
  15. Vergessen
  16. Die Stadt

Gesamtspielzeit: 63:43 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
musie
2012-12-02 11:54:15 Uhr
die gebrüder nosferatu! hahaha der ist gut :)
Der Graf
2012-03-27 16:22:27 Uhr
Für Sie immer noch DER Graf!
Rackel
2012-03-26 22:10:36 Uhr
"Rfcckenschmerzen" klingen tatsächlich sehr unangenehm.
Nemo
2012-03-22 19:57:12 Uhr
Unheilig ist Tokio Hotel für "Erwachsene". Genauso gruslig.
Reinste Comedy die Youtube-Kommentare:
2012-03-21 20:03:58 Uhr
naja das ist Geschmacksache mit Groenemeyer, ich persoenlich finde seine Texte sehr gut. Aber es ist einfach wohltuend und schoen wenn bei all dem Mist der heute veroeffentlicht wird es noch so Musiker wie den Grafen gibt, bei dem man sich hinsetzen und zuhoeren muss...und einfach geniesen.


Damit sprichst du mir aus der Seele. Vielen Lieben Dank. Es ist schön zu wissen das es in Zeiten wo es Bushido, Sido und Farid Bang gibt, noch Menschen und Musiker wie den Grafen gibt. Das beruhigt mich und macht meine kleine Welt ein wenig heiler.


Genial, einfach genial..was Groenemeyer fuer mich ist und war ist der Graf ebenso, einer der wirklich tollen Musiker in Deutschland. Texte und Musik einfach Klasse. Wenn Ihr die Lyriks mal nachlesen wollt koennt Ihr das hier : deutsche-lyrics. com und auch schonmal LEGAL das Album vorbestellen, fuer mich ganz wichtig, das solche Kuenstler auch Ihr Geld bekommen fuer die Freude was sie uns bereiten mit Ihrer Musik. Ich hoffe auf noch ganz viel neue Songs vom Grafen!
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