Everlast - Songs of the ungrateful living

Everlast- Songs of the ungrateful living

Long Branch / SPV
VÖ: 24.02.2012

Unsere Bewertung: 5/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Der Märchenerzähler

"Erik Schrody ist ein aufrichtiger Lügner", erkannte der Kollege vor ein paar Jahren, als Everlasts fünftes Soloalbum "Love, war and the ghost of Whitey Ford" erschien. Seitdem ist einige Zeit ins Land gezogen, Schrody ist mittlerweile über 40 und ergraut, und das nächste Album "Songs of the ungrateful living" steht bereit. Nun kann man natürlich darüber streiten, ob der ehemalige Rapper von House Of Pain selbst undankbar ist oder nur wieder in Rollen schlüpft. Da wären der einsame Wolf, der Familienmensch, der Schlägertyp, der Missverstande. Der Typ, der seiner Ex nachtrauert und der Macho, der darüber lamentiert, dass er ohnehin keine halten kann und wie wurscht ihm das ist. Schrody ist eine ganze Menge Menschen, ein Geschichtenerzähler vor dem Herrn. Wie aufrichtig das nun aber wirklich noch ist, lässt sich angesichts der vielen, vielen Stories auf "Songs of the ungrateful living" wirklich nicht mehr sagen.

Der Hörer hat aber immerhin eine ganze Menge Zeit, sich darüber ein Bild zu machen. Mit den drei Bonustracks auf der deutschen Version finden sich hier insgesamt 18 Stücke und über eine Stunde Musik zwischen Country, Blues und HipHop, jene Mischung, die Everlast spätestens seit "Whitey Ford sings the blues" zu einem reichen Mann gemacht hat. Zugeben würde er das natürlich nie, weil es nicht real genug klingt. Stattdessen vermittelt er wie ein gewisser Bruce Springsteen auch das ewige Bild des kernigen Arbeitertyps, während er auf seiner riesigen Farm in New Jersey hockt. Zumindest macht Everlast dabei gar keine schlechte Figur: Jeder Hörer kann sich bereits in der ersten Minute vom Opener "Long at all" vorstellen, wie Schrody durch die staubige Südstaatenlandschaft zieht, mit der Gitarre auf dem Rücken und einem Zahnstocher im Mundwinkel, dazu die Sonnenbrille, die sonst nur Hank Williams, jr. so cool tragen kann. Es soll nicht die einzige Gemeinsamkeit bleiben: Trotz einiger netter Beats geht es auf dem sechsten Soloalbum auch wieder mehr in die Country-Blues-Richtung, die Legenden wie "Jump around" fast vergessen lässt - oder vermissen.

Aber der Erzähler Schrody weiß, wie er seine Songs verpacken muss, um seine Fans glücklich zu machen. "Gone for good" baut die Brücke zu allen, die sich unverstanden fühlen, mit denen man nicht leben mag, die Krach mit ihrer Frau daheim hatten, die sich danach betrinken und einsam durch die Straßen ziehen und die doch eigentlich voll die netten Kerle sind. Ein ähnliches Bild zeichnet "Friday the 13th" mit den Zeilen "If I ain't fucking things up / I do the very best that I can", dazu ein schwerer, stampfender Beat, der die Zeilen mit noch mehr Nachdruck einhämmert. "Little Miss America" erinnert stilistisch und lyrisch an "White trash beautiful", während "I'll be there for you" die vermeintlich sanfte Seite des sonst so harten Mannes offenbaren soll: Schrody huldigt seiner Liebsten und verspricht ihr, alles für sie zu tun, wenn er im Gegenzug einen Tanz in Unterwäsche und ein nettes Abendessen bekommt. Alltägliche Stories also.

Beatlastiger wird es auf Songs wie dem unheilschwangeren "I get by" und "Moneymaker", das die bereits mehrfach erzählte Geschichte des kleinen Mannes wiederholt und erneut aufkocht. Die Mutter konnte ihn vorm tyrannischen Vater nicht beschützen, man lebt infolgedessen ein sündiges Leben, geht in den Irak, weil es die Großen im Anzug so wollen, wird erschossen und vergessen, weil es die mit dem Geld in den Taschen ja doch nicht juckt. Schrody spielt damit einem Teil der amerikanischen Bevölkerung nur den Ball zu, die in den letzten Jahren genau diese Art von Ereignissen erlebt haben - auf Dauer wirkt der Schwank des alltäglichen Lebens, den Schrody in die Welt posaunt, etwas vorhersehbar. Als letzter Song vor dem großen Bonuskonzert von drei Stücken stimmt der New Yorker schließlich das bereits zu Genüge gecoverte "A change is gonna come" von Sam Cooke an, das natürlich damals wie heute und überhaupt für immer aktuell war, ist und sein wird, und man wird das Gefühl nicht los, dass auch das nur ein weiteres Kapitel des Märchenerzählers Schrody sein soll. Mal schauen, wie lange man ihm noch glaubt.

(Jennifer Depner)

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Highlights

  • I get by
  • The rain
  • Even God don't know

Tracklist

  1. Long at all
  2. Gone for good
  3. I get by
  4. Little Miss America
  5. My house
  6. Long time
  7. Friday the 13th
  8. The crown
  9. Sixty-five roses
  10. Moneymaker
  11. The rain
  12. Some of us pray
  13. I'll be there for you
  14. Even God don't know
  15. A change is gonna come
  16. Everyone respects the gun (Bonus)
  17. Final trumpet (Bonus)
  18. Black coffee (Live Acoustic) (Bonus)

Gesamtspielzeit: 61:03 min.

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User Beitrag
just my 5 bucks
2012-03-15 20:49:46 Uhr
Die Rezi ist der beste Beweis, wie man Dinge zerreden kann, des Zerredens wegen.

Im Vergleich zum imho mauen Vorgänger ein Schritt in die richtige Richtung. Mag sein dass er im Alter etwas graue Kanten bekommen hat, aber dieses Album ist wieder so Everlast wie man ihn lieben lernte. Man muss das Rad nicht ewig neu erfinden und bei Everlast bevorzuge ich lieber Kontinuität statt Experimente.

6,5/10
Jörg
2012-03-14 01:29:14 Uhr
auch dass j.d. erwähnt dass everlast über 40 ist und graue haare hat (????????)

Mir ist egal wie alt ein Künstler(-in) ist! Oder welche Haarfarbe er/sie hat!

Es geht doch um Musik! Es wird eine CD bewertet!

Fotos von Leuten werden in der Yellow-Press bewertet, in der "Bunten" usw.

ts ts ts.
Jörg
2012-03-14 00:45:32 Uhr
@Wolffather

Ok, verstehe ich. Ich bin gar kein everlast-experte. kann daher nicht beurteieln, ob er sich wiederholt von Album zu Album.

Ich las die Rezi einfach nur so mal durch und hatte einfach ein ganz schlechtes Gefühl dabei. Vor allem, dass er alles selbst erlebt haben müsste. Und auch der sehr negative Schreibstil am Anfang: von wegen "wenn er seiner ex nachtrauert" oder "einen auf macho macht".

Der Eindruck kommt auf, dass da eine von vornherein eine persönliche Abneigung gegenüber dem Künsteler bestand.

Ist nachvollziehbar/menschlich - sollte aber im journalistischen Idealfall nicht so sein.
Wolffather
2012-03-14 00:37:25 Uhr
wie gesagt: die Aussage er wiederhole sich "Album um Album um Album" ist schlicht und ergreifend nicht richtig, zumindest was die lyrischen Themen der Alben betrifft - in musikalischer Hinsicht mag das oberflächlich gesehen/gehört eher ein wenig zutreffen, aber auch hier müsste jedem bei genauerem Hinhören sofort auffallen, dass die meist ruhige folkige/countrieske neue Platte doch ein ganzes Stück anders klingt als z.B. die Whitey Ford Sings The Blues (wo noch viel mehr Hip Hop und etwas härterer Rock zu hören war) oder Eat At Whiteys...

Und selbst wenn er sich ständig wiederholen würde: ein stringentes und glaubwürdiges Storytelling mit rotem Faden kann man ihm nicht absprechen... oder meint die Autorin etwa, dass Tolkien die Herr Der Ringe Geschichte oder Spielberg die Star Wars Saga selbst erlebt haben??

wie gesagt, als ich die Rezension las, hab ich das mit einem Schulterzucken weggeklickt, aber die weiteren haltlosen Ausführungen der Schreiberin hier, haben mich dann doch etwas angenervt...
Jörg
2012-03-14 00:27:09 Uhr
Wolffather
"2. Der Vorwurf man müsse alles selbst erlebt/gelebt haben, ist wie schon eben angesprochen ein astreiner Bullsh*t... so darf man an Kunst nicht rangehen, auch hier reine Themaverfehlung..."

hmmm, also lag ich mit meiner Kritk an der Rezi doch nicht ganz daneben? Dacht ja schon, ich hätte mich nur in was reingesteigert wieder mal. Naja, ein bissel übertrieben hab ich wohl schon vorhin, aber unzufriedenstellend finde ich die Rezi immer noch.

Denn selbst wenn er "Von album zu album zu album" sich wedierholen würde? na und?

es geht um glaubwürdigkeit - und damit ist NICHT gemeint, dass er ALLES SELBST erlebt haben muss, wörüber er schreibt. ER muss es selbst erlebt haben ODER es indirekt miterlebt haben durch ihm nahe sthende Personen oder er muss sich in eine Situation hineinverstezen können.

ich zB habe seit Jahren Depressionen. Ich trinke aber kein Alkohol oder nehme Drogen. Dennoch kann ich mich zumnndest eun grosses Stück weit in Leute mit einer Sucht-Problematik hineinverstezen, obwohl ich selber nicht süchtig bin. Aber dieses Gefühl der Leere oder Hoffnungslosigkeit, die man oft nur schwer ertargen kann, die einen zum Akohol/Drogen bringen kann - DIE kenn ich auch sehr gut. Und ich habe viel mitbekommen von Süchtigen, direkt und auch über Erzählungen und auch Dokus/Filme im TV.

Ich könnte also schon einen Song-Text über Alkohol- oder Drogensucht schreiben, auch wenn ich es NICHT SELBST erlebt habe.

Stimmts?
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