Jan Plewka - Zuhause, da war ich schon

Jan Plewka- Zuhause, da war ich schon

Eastwest
VÖ: 25.02.2002

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Ins eigene Fleisch

Frischer Wind ist in den Neunzigern nicht zu knapp durch die deutschsprachige Musiklandschaft gepfiffen. Kaum hatte der HipHop dank ein paar Stuttgartern mit geschmacklosen Käppis und debilem Gepfeife die deutsche Sprache für sich entdeckt, wäre die nationale Musikwelt bereit gewesen für die nächste angehende Revolution, ausgelöst von anspruchsvoller und moderner Rockmusik mit deutschen Texten. Zu einer Zeit als sich Grönemeyer mutwillig ins "Chaos" stürzte. Zu einer Zeit, als Westernhagen nur noch trällerte, wie gut es ihm ginge, und dies außer ein paarhunderttausend verirrten Plattenkäufern keinen interessierte. Zu einer Zeit, als Deutschland schon vergessen hatte, daß man Gitarren auch an einen Verstärker anschließen kann und die Vokabel "zeitgemäß" mit Wolfgang Niedecken gleichsetzte.

Höchste Zeit für Selig. Für eine Band, die mit Hippie-Blume im Knopfloch Sturm und Drang buchstabierte und Freud und Leid vertonte. Und für die es dennoch ein kurzes Vergnügen werden sollte, nachdem die wachsende Anhängerschaft noch für kurze Zeit glaubte, Teil einer Jugendbewegung, einer neuen deutschen Welle geworden zu sein. Nach einem diffusen "Hier" und einem noch diffuseren "Blender" hielt die Band nur noch einige Soundtrackbeiträge und verstreute sich schließlich in alle Winde.

Während Ex-Gitarrist Christian Neander mit Kungfu wieder zurück zum straighten Rock getragen wurde, landet Jan Plewka mit "Zuhause, da war ich schon" kopfüber zwischen allen Stühlen. "Nur die Jagd nach Bildern / Spült das Fernweh aus dem Kopf" stellt er fest, und die Bilderflut läßt tatsächlich nicht lange auf sich warten. Bei "Der König von New York" zerfließen die Farben und Formen zu unkenntlichen Umrissen, hinterlassen mit dem wirren "Das schönste Mädchen Europas" nichts als matschige Verwirrung und gewinnen erst beim "Lied der Liebe" wieder an Schärfe: "Mit Sternen im Haar am Ufer des Flusses / Kopflos süß und leicht entrückt / Mit Sternen im Haar und Wind auf den Wimpern" streift Plewka durch die Vergangenheit und covert gleich noch "Deja vu" von Spliff. Kein Wunder.

Am bequemsten liegt Plewkas verrauchte Stimme allerdings immer noch dann, wenn ihm die Kraft fehlt, sich durch Metaphern zu winden, und er seine Gedanken auf Rosen bettet. Nicht auf deren zarten Blätter jedoch, sondern auf die kalten Dornen, die sich nach einem drohenden Piekser in den Allerwertesten bei jeder kleinsten Bewegung tiefer ins Fleisch schneiden. Dann jammert er im Dreivierteltakt "Kummer um Kummer befehlt mein Gesicht", keucht "Mein Herz wollt' entzwei / Doch es brach einfach nicht", klagt "War da alles, nur Liebe nicht?" und raspelt seine Leiden im Angesicht der Verzweiflung über sein eingebautes Reibeisen. Und statt seine Wunden zu lecken, wedelt er hektisch mit dem Salzstreuer herum und suhlt sich ein ums andere Mal bewegend in Selbstmitleid. "Der Himmel ist so leer, alle Geigen abgefallen." Diese Momente sind es, in denen Wein, Weib und Gesang ein unheilvolles Rendezvous feiern.

(Armin Linder)

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Highlights

  • Das Lied der Liebe
  • Sei hier
  • War da alles

Tracklist

  1. Der König von New York
  2. Still, weit und weg
  3. Das Lied der Liebe
  4. Existentiell
  5. Ich halt' dich fest
  6. Das schönste Mädchen Europas
  7. In Nächten wie diesen
  8. Egal, wann und wo
  9. Sommer
  10. Sei hier
  11. War da alles
  12. Deja vu
  13. Leise kehrt die Welt zurück

Gesamtspielzeit: 61:57 min.

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