Eisbrecher - Die Hölle muss warten

Eisbrecher- Die Hölle muss warten

Columbia / Sony
VÖ: 03.02.2012

Unsere Bewertung: 3/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Meintest Du

Das ist ja mal eine schöne Kontextsuche: Wer auf der sehr geschätzten Indiepedia nach "Eisbrecher" sucht, erhält statt eines eloquenten Beitrags die Rückfrage "Meintest du ' Erbrechen'?". Ob nun Präjudiz oder einfach nur Launen eines besonders eifrigen Suchalgorithmus, sei dahingestellt, zumindest jedoch polarisieren die Herren Alex Wesselsky und Noel Pix dermaßen, dass die einen genau dies tun. Also erbrechen. Und die anderen die letzte Platte "Eiszeit" glatt auf Platz 5 der Album-Charts hievten.

Wesselky, optisch eine Mischung aus einem Deoroller und dem Legionär Schlagdraufundschlus aus den Asterix-Comics, bleibt von derlei Lästereien allerdings so unbeeindruckt wie der Beat vieler seiner Songs. Und so darf bei "Tanz mit mir" zunächst unverdrossen zu wohlbekannt wattstarkem Uffta-uffta-Rhythmus, nun ja, getanzt werden. Doch während der Versuch einer Melodie hier noch wohlwollend zur Kenntnis genommen wird, dient der Refrain bei "Augen unter Null" nur noch dazu, die Arme gar pathosheischend zur großen Geste auszubreiten. Weia.

Gänzlich unheilig wird dann das Titelstück. Nicht, dass ein gewisser Bernd Heinrich Graf eine erstrebenswerte Referenz wäre, aber dieser Song ist wahrhaftig ein würdiger Nachfolger der Hausfrauen-Goth-Schmonzette "Geboren um zu leben". Wäre da nicht die folgende fulminante Abrissbirne in Gestalt des wirklich gelungenen "Verrückt", die CD hätte spätestens hier ein trauriges Ende als Reh-Blinker im Unterholz an der B75 gefunden. Auch wenn auch hier Zeilen wie "Oh, bin ich Dir peinlich / Mach ich Dir Angst / Wer ist normal hier / Und wer ist hier krank" alleine ihr Eintrittsgeld wert sind.

Bei aller Lästerei allerdings muss man Eisbrecher tatsächlich zugute halten, dass das konsequent-stumpfsinnige Dicke-Hose-Getue ein Ende gefunden hat, um dem unsäglichen NDH-Image zu entfliehen. Nur werden scharfkantige Industrial-Eruptionen wie auf "Prototyp" immer noch allzu oft durch dermaßen triefendes Pathos penetriert, dass wahre Könner jenes Fachs wie Rhys Fulber zum Berserker würden, könnten sie des Machwerks und seines Schöpfers habhaft werden. Der zu erwartenden zahlreichen Käuferschaft dürfte das so lang wie breit sein. Und wenn dadurch den erwähnten anderen Kommerz-Gotikern das letzte trübe Brackwasser abgegraben wird, haben Eisbrecher sogar noch ein gutes Werk getan. Wer hätte das gedacht?

(Markus Bellmann)

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Highlights

  • Verrückt

Tracklist

  1. Tanz mit mir
  2. Augen unter Null
  3. Die Hölle muss warten
  4. Verrückt
  5. Herz aus Eis
  6. Prototyp
  7. Ein Leben lang unsterblich
  8. Abgrund
  9. In meinem Raum
  10. Keine Liebe
  11. Exzess Express
  12. Rette mich
  13. Atem
  14. Treiben
  15. Böser Traum

Gesamtspielzeit: 57:19 min.

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