Puddle Of Mudd - Come clean

Puddle Of Mudd- Come clean

Flawless / Geffen / Motor
VÖ: 18.03.2002

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Außer Kontrolle

Das gemeine Musiker-Märchen hat bereits einen solchen Gesichtspelz, als ob es von den Gebrüdern Grimm höchstpersönlich stammen würde: Es war einmal Wessli von der Scantlweide, der seit Jahren versuchte, sich mit Minnegesang in die Herzen junger, holder Frauen zu spielen, doch die herzlosen Könige und Freiherren hatten kein Interesse an einem weiteren Harfen-Klampferer, der des Nachts unterm Fenster sitzt und losschluchzt. Doch mit der List eines gefälschten Sänftenträger-Passes gelang es Wessli, sich an brutalen Rittern vorbeizuschleichen und dem bekannten New-Minne-Master Friedrich, dem Wiederkäuer, seine Minne-Demos vorzuschalmeien. Friedrich, sowieso im Begriff, sich sein eigenes Königreich zu basteln, zückte sogleich das Siegel und hatte mit Wessli fortan einen weiteren Hofsänger am Start. So oder so ähnlich geschah es auch in heutigen Tagen bei Puddle of Mudd.

Fassen wir die Story der Band kurz zusammen: jahrelanges Rumtingeln ohne geregelte Mahlzeit, Käppimän Nummer Eins Fred Durst entdeckt das Potenzial von Songwriter und Sänger Wesley, schnelles Signing, Debütalbum, 1,5 Millionen verkaufte Silberlinge in den USA lassen Platin regnen. Das klingt wegen dreier Punkte für mitteleuropäische Ohren vorverurteilend suspekt: Zum Ersten, weil der durstige Fred wegen seines aktiven Musikerlebens und der passenden Allüren derzeit recht verpönt ist. Zum Zweiten, weil jede über den Teich geschwappte Gitarrenwelle eine noch größere Welle megasellender Bands ohne Substanz und Identität mit sich spülte. Und zum Dritten, weil bei Puddle Of Mudd zuallererst die penetrante Ähnlichkeit von Wesleys Stimme zum Organ vom heiligen Blowhead-Kurt auffällt. Doch die Vorurteile sind bei den "Schlammpfützen" unbegründet. Mit Fred und seinem Hang zur Selbstdarstellung in den Credits mag man es halten wie mit dem vom Dach, aber eines muss man dem Bizkit-Bruder lassen: der passive Musikgeschmack hat ihn im Gegensatz zum aktiven noch nicht verlassen.

Denn was Puddle of Mudd in den elf Stücken von "Come clean" von sich geben, verlangt zumindest Hochachtung. Entpuppte sich für den geneigten Karohemden-Hörer der Großteil der dritten Generation Grunge als Leichenfledderei, Kuschelkursus, Blutarmut oder - schauder - alles drei auf einmal, bekommt man bei Puddle Of Mudd stellenweise wieder dieses Gänsehaut-Feeling, das einen seit "Jeremy" oder "Something in the way" ein rundes Jahrzehnt lang verlassen hatte. "Blurry" heißt die Blaupause bei Puddle Of Mudd, eine wahre Perle von einer Halbballade, ein sich unwiderstehlich steigerndes Zusammenspiel von Bass, zwei Akustikklampfen und melodischem Gesang, mit diesem Refrain, der einem den Mund offen stehen läßt. Puddle of Mudd stecken einem erst die Rose ins Knopfloch - um die Blume dann postwendend hinterrücks durch die Brust wieder rauszuschießen. "Blurry" wird gefolgt von "She (fucking) hates me", das textlich nah am Rande der Frühdebili- bis -pubertät liegt, musikalisch aber eine interessante Wendung vom Gute-Laune-Tralala zur kleinen Hassorgie vornimmt. So schön hat seit "Rape me" und "Self esteem" niemand mehr mit einem Lächeln im Gesicht seinem Gegenüber auf die Füße gekotzt.

Eineinhalb Jahrzehnte Musikgeschichte werden bei Puddle Of Mudd wie Früchte auseinandergepflückt und dann zu einer süß-herben Marmelade verkocht, die Oma Pearl kaum schöner abschmecken könnte. Homogen, aber nicht steril, genug Kanten zum Dran-Scheuern ("Out of my head", "Bring me down") und dennoch ohne Abstriche kompatibel zu all dem, was sich gemeinhin "Neo-Grunge" schimpft. Dazu abwechslungsreicher als Nickelback, weitgehend ohne Creed-Pathos, mit mehr Schmackes als 3 Doors Down und vor allem ohne hörbaren Einfluß von Fred Durst. "Nobody told me where to go / Nobody told me where to run", singt Wes - aber das mag man ihm nun wirklich nicht abnehmen. Nicht ohne Grund prangert nach elf Jahren wieder ein Kleinkind auf einem Albumcover - aber ohne Dollarschein und von hinten. Mehr wäre auch ein Zuckerstückchen Kalkül zuviel.

(Daniel Löb)

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Highlights

  • Nobody told me
  • Blurry
  • She hates me

Tracklist

  1. Control
  2. Drift & die
  3. Out of my head
  4. Nobody told me
  5. Blurry
  6. She hates me
  7. Bring me down
  8. Never change
  9. Basement
  10. Said
  11. P*** it all away

Gesamtspielzeit: 48:13 min.

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