Xiu Xiu - Always

Xiu Xiu- Always

Bella Union / Cooperative / Universal
VÖ: 24.02.2012

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Alles außer egal

Gul Mudin musste seinem Vater auf dem Feld helfen, als die Hölle über ihn hineinbrach. Acht Schüsse und eine neben ihm explodierende Handgranate besiegelten sein Todesurteil. Seine Mörder nannten sich das "Kill Team", sie waren Mitglieder des dritten Platoons der Bravo Company der US-Streitkräfte im Afghanistan-Einsatz. Sie töteten aus Freude und posierten vor dem Leichnam. Auf dem abscheulichen Foto, welches um die Welt ging, zieht Andrew Holmes den Kopf des Toten an den Haaren nach oben, als handle es sich um die Beute einer Fuchsjagd. Widerlich. Abstoßend. Einige mögen die Augen vor solch einem Ereignis verschließen wollen, andere schreiben Pop-Songs darüber. Wie Xiu Xiu.

Der unfassbare - wie in jenem Song "Gul Mudin" - und auch der alltägliche Wahnsinn, sie bestimmen auch auf diesem Album wieder die Poesie von Jamie Stewart. "Always" markiert das zehnjährige Bandjubiläum, so man denn von einem solchen sprechen kann, wechselte das Personal über die Jahre doch munter durch. Einzig Stewart blieb als Konstante bestehen. Zusammen mit Angela Seo, Bettina Escauriza, Marc Riordan und dem zurückkehrenden Devin Hoff bestritt er nun das neueste Werk: Es ist ein Parforceritt über die Themenfelder Sexualität, Körperlichkeit, Krieg, Ausbeutung, Inzest und Abtreibung. Beispiel gefällig? "Hi" setzt sich mit dem Unwohlsein im eigenen Körper auseinander. Von aus dem Fleisch heraustretenden Knochen ist die Rede und einem Hypothalamus, aus dessen Maul ein Krokodil heraushängt. So weit, so blutrünstig. Die Lyrics gehen nicht nur unter die Haut wie die auf dem Albumcover gezeigte Tätowierung. Nein, sie beißen sich fest, fräsen sich in die Synapsen.

Textlich fließt nicht nur der Stream of consciousness, sondern auch die Körpersäfte. Das ist nichts Neues. Ungewohnt ist jedoch die Eingängigkeit einiger Songs. Waren Xiu Xiu und das Attribut "Catchyness" bisher zwei sich abstoßende Pole, gehen Tracks wie das besagte "Hi" oder das synthpoppige Duett "Honey suckle" überraschend schnell ins Ohr, jedoch nie ohne die typisch verstörende Grundstimmung zu verlieren. Und gerade, als man die neue, vermeintliche Fluffigkeit bemerkt, haut einem Lied 5 in die Fresse. "I luv abortion" faucht und keift wie die im Liedtext erwähnte, an Tollwut erkrankte Hyäne. Benommen lässt einen der Song zurück, woraufhin die folgende kryptische Ballade "The oldness" noch rätselhafter daherkommt. Allein diese drei zuletzt genannten Stücke unterstreichen, dass es sich hier wohl um das musikalisch variationsreichste Xiu-Xiu-Werk handelt.

Ein zehnter Geburtstag kann Anlass sein, zurückzuschauen. So knüpft die Gruppe an alte Episoden an und erzählt beispielsweise die Inzestgeschichte aus "Black keyboard" von "Women as lovers" zu Ende. Ein Geburtstag kann aber auch Anlass sein, ein Fazit zehnjähriger Bandgeschichte zu ziehen: Man kann Xiu Xiu hassen. Man kann sie lieben. Man kann ihre Musik als Avantgarde bezeichnen oder als arty-farty. Man kann ihre Texte sezieren und feststellen, dass recht viele Tiermetaphern in diesem Album stecken. Als wäre der Mensch dem Menschen ein Wolf. Man kann solche Interpretationen aber auch sein lassen und sich lediglich an der Skurrilität erfreuen. Man kann einiges auch einfach nur abstoßend finden. Was man jedoch nicht kann, ist eine Gleichgültigkeit gegenüber dieser Musik zu entwickeln. Wer belangloses Hintergrundgedudel sucht, liegt bei Xiu Xiu falsch. Doch wer Musik schäzt, die im einen Moment aufrüttelt und im n�chsten niederschmettert, der sagt "Hi" zu Xiu Xiu und zu dieser Platte.

(Marco Wedig)

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Highlights

  • Hi
  • Joey's song
  • Honey suckle
  • Born to suffer

Tracklist

  1. Hi
  2. Joey's song
  3. Beauty towne
  4. Honey suckle
  5. I luv abortion
  6. The oldness
  7. Chimney's afire (Mickensian suicide)
  8. Gul Mudin
  9. Born to suffer
  10. Factory girl
  11. Smear the queen
  12. Black drum machine

Gesamtspielzeit: 38:15 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
XTRMNTR
2012-11-03 14:32:31 Uhr
"Hi" klingt als ob jemand Katzen quälen würde.
Hanskartoffel
2012-08-24 14:48:57 Uhr
Joey`s Song berührt gewaltig wie ich finde! Übersong! Leider irgendwie der einzige (bis jetzt)!
stativision
2012-08-23 14:26:08 Uhr
Naja, leider doch nicht so gut wie vermutet. Der absteigende Ast wird nicht verlassen. Leider eben doch: Irgendwie egal. Berührt kaum.

2012-04-10 08:39:47 Uhr
Die Darbietung mit einer konventionellen Rockband tut dem Werk von Xiu Xiu leider keinen Gefallen. Geschehen und geschieht auch weiterhin im Rahmen der aktuellen Tour.
LG
2012-02-22 11:42:44 Uhr
Großartig ja. Aber wo du den Kitsch siehst?
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