Ólafur Arnalds - Another happy day

Ólafur Arnalds- Another happy day

Erased Tapes / Indigo
VÖ: 24.02.2012

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Der große Nebendarsteller

Kalt ist es. Geradezu eiskalt. Der Wind gefriert das sanfte Lächeln in den Gesichtern jener, die sich an diesem Novemberabend 2010 in die Seitengasse in Frankfurt verirrt haben. Viele sind es nicht, und doch ein recht angenehmes Grüppchen. In der einen Ecke ein paar Herrschaften, vielleicht um die 40, die offenbar in genau das Gebäude wollen, an dessen Tür sich schon die schätzungsweise 18-jährigen Mädchen die Nasen plattdrücken. Gleich daneben ein paar Jungs mit Karohemden und Hüten auf dem Kopf, Chucks an den Füßen, diversen Bier- und Colaflaschen in den Händen. Und überall dazwischen die unterschiedlichsten Gestalten, vom gutgelaunten Abiturienten bis zur Mittdreißigerin, die heute ihren freien Abend gemeinsam mit dem Freund genießt. Die Türen öffnen sich, die Leute gehen, aber strömen nicht rein. Stühle? Ein Blick auf die Karten. Keine Nummerierung. Also schnell hin zu den besseren Plätzen, mittig, etwa dritte Reihe. Es gibt nur vereinzelt Lichter, keiner mag die Stille stören, alle flüstern nur miteinander. Plötzlich wird es dunkel, und ein junger Mann im Kapuzenpullover betritt die Bühne. Es ist Nils Frahm.

Er begrüßt das Publikum, voll in dem Bewusstsein, heute nur die zweite Wahl zu sein, setzt sich ans Klavier und fängt an zu spielen. Über Minuten hinweg gibt es nur Frahm, das Klavier und die Menschen vor ihm, die gebannt auf den Stühlen sitzen und lauschen. Sobald er fertig ist, klatschen sie laut, bis er weitermacht. So geht das eine Weile, bis er, beinahe erfurchtsvoll, den eigentlichen Gastgeber des Abends, den 23-jährigen Isländer Ólafur Arnalds, auf die Bühne bittet. Dieser hat einen weiteren jungen Mann und vier Damen im Schlepptau. Während Arnalds sich an das Klavier setzt, wird sich der andere Herr für den restlichen Verlauf des Konzerts um die elektronischen Elemente am Computer kümmern; die Damen sind für den Streicherpart zuständig. Arnalds' zweites Album "...And they have escaped the weight of darkness" ist früher im Jahr erschienen, und er scheint selbst etwas überrascht über die vielen Gäste zu sein. Immer wieder nuschelt er zwischen den Songs etwas ins Mikrofon, versucht, die Titel zu übersetzen. Das Publikum versteht fast gar nichts, und Arnalds lacht mit.

Es bleibt ein besonderer Abend, so besonders, dass er noch eineinhalb Jahre später nachhallt. Und man gerne mal eine halbe Album-Rezension darüber schreibt, obwohl der Chef eigentlich gar keine Konzertkritik bestellt hat. "Another happy day" ist die Musik zum gleichnamigen Film von Sam Levinson, der lange ein Fan von Arnalds war, bevor er ihn um seine musikalische Unterstützung bat. Das Vorhaben birgt ein Risiko: Die Klänge in einem Film müssen Emotionen nicht nur begleiten, sondern erzeugen können. Mit der Auswahl des Songs steht und fällt die Möglichkeit, dass eine bestimmte Szene nun stark in Erinnerung bleibt - und ob diese positiv ist. Gleichzeitig ist Arnalds' Musik selbst schon ein Werk für sich, jedes Stück, und im Gesamten ein Kunstwerk, das einer genaueren Defintion eigentlich nicht bedarf - weshalb es den meisten Hörern in Frankfurt wohl auch gleich war, was denn nun die Titel für eine sinngemäße Bedeutung haben. Der Isländer ließ sich auf das Projekt ein, komponierte den Filmscore und rückte sich, mehr als sonst, in den Hintergrund. Die Musik bleibt der Nebendarsteller, aber ein mächtiger.

Ähnlich, wie es schon Peter Broderick bei "Music for Confluence" gemacht hat, arbeitet sich der Multiinstrumentalist Arnalds nur langsam voran. Melancholisch wird es schnell, schon im Opener "The Land of Nod", bei dem die Streicher ein fast unheilsschwangeres Gefühl transportieren, als sie zunächst verstummen und dann nur leise aus dem letzten Eck erzittern. Es folgt ein abrupter Übergang zu "Through the screen", wie man ihn schon von seinen früheren Werken kennt. Das Klavierstück beruhigt zugleich, "The wait" versetzt den Hörer in einen atemlosen Zustand zwischen Hoffen und noch mehr Hoffen. Dennoch handelt es sich bei "Another happy day" nicht um die aalglatte Filmkomposition, die man fast befürchtet hätte, und so wird es immer dann am besten, wenn Arnalds sich aus den gängigen Konventionen heraustraut. Das tiefschwarze "Out to sea" etwa, dessen immer mehr aufkommende Hektik beim Zuhören allein erschöpft, oder auch "Lynn's theme", das wie ein Liebeslied anfängt und wie ein stiller Trauermarsch endet. Ein letztes Mal Anspannung entsteht schließlich bei "Everything must change", dessen beinahe mechanischer Klang zu Beginn nur für einen kurzen Moment innehält, damit der Hörer die Pizzicato-Klänge auch wirklich wahrnimmt. Der Vorhang fällt, der Hauptdarsteller verbeugt sich und verlässt die Bühne - aber Arnalds bleibt.

(Jennifer Depner)

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Highlights

  • Through the screen
  • Lynn's theme
  • Out to see
  • Autumn day

Tracklist

  1. The Land of Nod
  2. Through the screen
  3. Before the calm
  4. Lynn's theme
  5. Alice enters
  6. The wait
  7. A family stroll
  8. Poland
  9. Out to sea
  10. Autumn day
  11. Everything must change

Gesamtspielzeit: 34:00 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
mr.mensch
2013-03-01 14:48:48 Uhr
http://www.tape.tv/musikvideos/lafur-Arnalds/Old-Skin


Neuer Song!!
lego
2012-03-04 14:48:50 Uhr
stimme obrac zu
asd
2012-03-04 14:11:59 Uhr
find das ja hier ziemlich langweilig. kaum spannung drin, kaum gute momente. gibt bessere scores
-p-
2012-02-20 22:02:28 Uhr
konstant 8/10! verdient!
Obrac
2012-02-20 21:07:50 Uhr
Schon wieder eine Arnalds.. Ich bin übersättigt mit dem. Die Alben sind eh nur was für besondere Gelegenheiten. Wenn denn jedes Dreivierteljahr was Neues kommt, ist mir das irgendwie zu viel.
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