Ben Howard - Every kingdom

Ben Howard- Every kingdom

Island / Universal
VÖ: 10.02.2012

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Warme kalte Welt

Sie alle konnten es. Alle: Nick Drake. Elliott Smith. Tim Buckley. Irgendwie sogar dessen Junior Jeff Buckley. Der etwas weniger gehypte John Martyn genauso gut wie Bert Jansch. Sie alle beherrschten dieses Kunststück, ihrer Musik diese gewisse Tiefe zu geben, bis der Hörer sie nicht nur hören, sondern spüren konnte. Ach, spüren! Fühlen, schmecken, beinahe riechen. Der Schmerz, wenn Smith in "Say yes" mit den Worten "I'm in love with the world through the eyes of a girl" beginnt und schließlich vom Ende der Beziehung spricht. Die Verzweiflung, wenn man bemerkt, dass Nick Drakes "Black eyed dog" seine Depressionen waren. Und schließlich die bittere Erkenntnis, dass es eine weitere Gemeinsamkeit gibt: Sie alle sind nicht mehr da. Kein einziger der Genannten lebt noch, zuletzt ging Bert Jansch im vergangenen Jahr. Jetzt ist man also hier als Hörer, dem das Gefühl der Musik mindestens ebenso wichtig ist wie die Klänge selbst, und wundert sich, wann der nächste kommt, der es schafft, das eigene Herz so zu berühren. Aber vielleicht ist er schon da.

Man stellt sich es einfach mal vor: Die Erde ist ein kalter Ort voller Krieg, Hass und Egoismus. Gar nicht so schwer, oder? Und dann kommt er um die Ecke, der Neue, dieser 23-jährige Engländer namens Ben Howard, der seinem Aussehen zufolge auch in einer x-beliebigen Daily Soap mitspielen könnte. Tut er aber nicht. Viel lieber spielt er Gitarre und schreibt Songs. Und der will die nächste Generation einleiten? Man darf durchaus gespannt sein: Howards Debütalbum "Every kingdom" klingt zumindest vielversprechend. Zehn mehr oder weniger sanfte Perlen sind es geworden, die von Liebe, dem Leben - und der Liebe zum Leben handeln. Auch aus einigen von ihnen spricht der Schmerz, ohne dass sie direkt weh tun. Anders als bei etwa Damien Rice, dessen Songs den Hörer gerne mitleiden und mitflehen lassen, schwingt bei Howard eine Art Hoffnung mit, und die tut zur Abwechslung auch mal gut.

Wer schon von Ben Howard gehört hat, wird am ehesten "Old pine" kennen, Opener und zugleich erste Single. Schließt man nur für einen Augenblick die Augen, verfrachten einen die Gitarre und der Streichereinsatz zur Mitte des Songs direkt an einen ruhigen Ort in der Natur, während der Gesang des Engländers sich zunächst kaum merkbar steigert. Fast scheint es, als würde er neben einem sitzen, bis man die Augen schließlich wieder öffnet und nach wie vor alleine im Wohnzimmer sitzt. Noch eine Ecke emotionaler geht es zu im absurderweise poppigsten Song des Albums "The fear": "I've been worrying that my time is a little unclear / I've been worrying that I'm losing the ones I hold dear", singt er da, gefolgt von dem düsteren Ausspruch "I will become what I deserve". Und dann ist es doch da, dieses Gefühl der Beklommenheit, das man gleichermaßen gefürchtet und erwartet hat.

Songs wie "The wolves" oder auch "Keep your head up" regen hingegen das Gemeinschaftsgefühl in dieser nach wie kalten Welt an, was besonders letztgenanntes Stück mit seinem im Chor vorgetragenen Refrain nur weiter bestärkt. Verletzlich wird es im ultimativen Schlussmach-Song des Albums, "Gracious", bei dem Howard allein mit seiner Gitarre am besten wirkt - denn wie besang es schon Smith? "Crooked spin can't come at rest / I'm damaged bad at best." Und obwohl es bei dem jüngeren Howard (zumindest noch) um einiges versöhnlicher wirkt, mag man dem alten Smith nur beipflichten. Verletzt sind sie eben doch am besten, in jeder Welt, nicht nur der kalten. Hoffentlich ergeht es Howard in den kommenden Jahren besser als seinen Vorbildern. Wenn er ganz zum Schluss im verkratzten "Promise" fragt "Who am I to you, darling?", dann fehlen einem schlicht die Worte, um es irgendwie auszudrücken: Der Neue ist längst angekommen. Und wie.

(Jennifer Depner)

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Highlights

  • Old pine
  • The wolves
  • Gracious
  • Promise

Tracklist

  1. Old pine
  2. Diamonds
  3. The wolves
  4. Everything
  5. Only love
  6. The fear
  7. Keep your head up
  8. Black flies
  9. Gracious
  10. Promise

Gesamtspielzeit: 50:08 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

MopedTobias

Postings: 12410

Registriert seit 10.09.2013

2014-04-17 17:36:40 Uhr
Schönes Album, aber in den ruhigen Momenten wird er zu beliebig. Mein Favorit ist The Wolves.

Mr Oh so

Postings: 1220

Registriert seit 13.06.2013

2014-04-17 15:52:00 Uhr
Oh, schön zu hören. Black flies ist auch mein Lieblingssong. Hatte bisher immer den Eindruck, dass die etwas "positiveren" Uptempo-Nummern a la Keep your head up allgemein besser ankommen. Scheint aber auch Fans der nachdenklicheren Seite zu geben, die v.a. bei den letzten drei (grandiosen) songs herauskommt.

Chehalis

Postings: 306

Registriert seit 23.08.2013

2014-04-17 14:41:42 Uhr
Das Album ist schön, aber live ist Ben Howard noch so viel besser. Vor allem sehr viel experimenteller und ausschweifender. Bin gespannt, ob sich das nächste Album eher an seinen Live-Auftritten orientiert. Die neuen Songs klangen auf jeden Fall schon ziemlich toll.

Favorit hier: "Black Flies".
Liebhaber
2014-04-17 14:19:17 Uhr
Höre im Augenblick nur crosses.
geratemachender
2014-04-17 14:12:20 Uhr
Jetzt erst gefunden die Perle und immer wieder gern beim Reinhören, daher ein Push mit der Hoffnung, dass es der ein oder andere liebhaben wird.

so und jetzt alle kuscheln
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