Felix Meyer - Erste Liebe/Letzter Tanz

Felix Meyer- Erste Liebe/Letzter Tanz

105 / Sony
VÖ: 20.01.2012

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Der Straßentröter

Große Worte und nichts dahinter? Von wegen. Man sollte schon wissen, wovon man singt, wenn man Zeilen wie "Von Faro bis Barcelona und von Münster bis nach Verona / Sind die Straßen gebaut aus Liebe, Dreck und Gewalt" zum Besten gibt. Jedenfalls, wenn man einen gewissen Anspruch auf Authentizität hat. Aber genau damit dürfte Straßenmusiker Felix Meyer die geringsten Probleme haben. Wenn sich jemand in den Fußgängerzonen und Asphaltwüsten inner- und außerhalb der hiesigen Gefilde auskennt, dann er. Und wer die Welt gesehen hat, weiß davon zu berichten. "Komm, wir steigen einfach mal wieder ein / Und fahren mit dem Zug nach Istanbul / Zu Fuß von Amsterdam nach Wien / Von Odessa nach Sewastopol", lautet es leicht beschwingt zu südländisch angehauchten Klängen und entfacht beim Zuhörer irgendetwas zwischen Fernweh und Schwermut.

Felix Meyer berührt und beeindruckt mit großen Songs über kleine Geschichten mitten aus dem Leben. Da kann er auch noch so oft darüber singen, dass die Zeiten großer Worte vorbei seien und nun die Arbeit am und die Liebe zum Detail ansteht. Letztlich vereint er haargenau das und versteht es vorzüglich, scheinbare Kleinigkeiten so liebevoll und gleichzeitig augenzwinkernd rüberzubringen. Sei es ein "Ich mag es, wie Eure Sprechblasen platzen und vor uns auf das Pflaster klatschen / Denn Sprechblasen machen keinen Rabatz, sie machen nur ganz leise: platz" im charmanten Sixties-Gewand von "Aus blauem Himmel" oder die vor Ironie nur so triefende Nummer über "Das hohe Ross", auf dem er sitzt und von dem er auf Karrieren und Götzendienste munter runterpinkelt.

Man ertappt sich dabei, Meyers Songs wie Kurzgeschichten in kleinen Reclam-Heftchen zu verstehen und sich sämtliche rhetorische Mittel herauszufiltern. Dabei währt die Begeisterung über einzelne Wortwitze und lyrische Spitzfindigkeiten meist weitaus länger, als die einzelnen Stücke überhaupt dauern. Irgendwo zwischen Sven Regener und Jacques Brel transferiert der Mittdreißiger sein Liedgut ohne jegliche Reibungsverluste von der Straße in die heimischen Stuben.

Und ob man den schlaksigen Charismaten mit dem eindrucksvollen Bariton jetzt in die Chanson-, Pop-, Folk- oder Singer-Songwriter-Schublade packt, ist letzten Endes auch vollkommen egal. Selten war Melancholie so zuckersüß und tanzbar verpackt wie im Falle von "Noch früher mal", während ein Moment der absoluten Ausgeglichenheit und Zufriedenheit wohl kaum besser als in "Einverstanden" vertont werden könnte. Und später irgendwo: "Das ist wunderschön so und manchmal auch schaurig / In jedem Fall ist es richtig, weiß ich beziehungsweise glaub ich." Ein großartiges Großmaul.

(Jochen Gedwien)

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Highlights

  • Noch früher mal
  • Einverstanden
  • Bzw. glaub ich
  • Aus blauem Himmel

Tracklist

  1. Prolog
  2. Zeiten großer Worte
  3. Hinterhofkino
  4. Noch früher mal
  5. Einverstanden
  6. Liebe, Dreck & Gewalt
  7. Bilder wie Gefühle
  8. Das hohe Ross
  9. Bzw. glaub ich
  10. Bis übermorgen
  11. Seele
  12. Der Realist
  13. Aus blauem Himmel

Gesamtspielzeit: 41:18 min.

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