Max Prosa - Die Phantasie wird siegen

Max Prosa- Die Phantasie wird siegen

Columbia / Sony
VÖ: 27.01.2012

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Der Weltenbummler

Ehe die blondgelockte Mähne bei jungen Damen die Hoffnungen nach einem weiteren Tim Bendzko schürt, schiebt "Die Phantasie wird siegen" dem unmittelbar einen Riegel vor. Zwischen Bendzko und Prosa liegen, gelinde gesagt, Welten, auch weil der eine seine Musik als Underground-Schlager bezeichnet und der andere prosaischer Folksänger mit dem Ohr für schöne Melodien ist. Der Hauptgrund aber ist die Qualität. Die setzt sich über den plakativen Künstlernamen hinweg und über die nicht unmittelbar eingängige Stimme des Berliners.

Wer Prosa erstmals auf der Bühne hört, fürchtet kurzzeitig, dass der Funken Ökospiritualismus, der vollends Herr über Nena ist, auch ihn ergriffen hat. Aber: mitnichten. Er schmiegt sich mit jedem weiteren Ton mehr und mehr an Bob Dylans nuschelnde, verwaschene Vortragsweise. Dessen Werk "Blonde on blonde" zählt zu Prosas Lieblingsalben und wenngleich die Gegenüberstellung beider Herren der von saftigen Äpfeln und unreifen Birnen gleicht, gehen genau diese Vergleiche hier deutlich und wohlwollend über das leicht verranzte Erscheinungsbild des jungen Mannes mit der umgeschnallten Gitarre hinaus. Prosa gießt das einfach in Liedform und wirkt mitsamt der Mundharmonika in "Mein Kind" und "Straße nach Peru" fokussiert-ambitioniert statt peinlich-huldigend.

Prosa kreiert (mit Band) aus Gitarre(n), Piano, Keyboard und Schlagzeug poetisch angelegten, poprockigen Singer-Songwriter-Folk. Er singt "tiefversunken in Poesie", lauscht Radio Resistance und sehnsüchtelt sich durch 14 Lieder. "Und wenn ich könnt' flög' ich davon / Mit meinen Flügeln aus Beton / Und wär' die Schwerkraft nicht / Dann fänd' ich dich", singt er im Hit "Flügel", der sich anhört wie ein Feature von Ben Kweller und Olli Schulz. Prosa ist mehr Erzähler als Wortjongleur; weshalb das Versmaß hier auch nicht das Maß aller Dinge ist. Und dennoch klingt ein Binnenreim nur selten wie ins Zeilenkorsett gequetscht, zumal er spätestens im nächsten Augenblick eine romantische Skizze bereitet: "Ich mal' einen Plan für die Ewigkeit mit Kreide auf dein Kleid".

Eine häufig verwendete Vokabel in Prosas Texten ist die Welt. Ihr omnipräsenter Schatten sitzt dem Protagonisten der Songs im Nacken und so läuft in dessen Schuhen auch immer die Weltflucht mit. Er möchte die "Stiefel der Realität" ablegen und warnt in "Schöner Tag" vor der "Welt in ihrer Wut". Was ihn zu ängstigen scheint, das sind Kontrolle und die Gläsernheit in der scheinbaren Anonymität. "Manchmal bleibt nur die Enklave der eig'nen Phantasie / Denn dorthin kommen sie nie", singt er in "Totgesagte Welt". Was wir bei all den Ausbrüchen nicht vergessen sollten: Das gedankliche Schutzgebiet ist auch das günstigste und oft schönste Reiseziel - hier bekommt man das Lunch-Paket.

(Stephan Müller)

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Highlights

  • Flügel
  • Mein Kind
  • Im Stillen
  • Schöner Tag
  • Ikonen

Tracklist

  1. Abgründe der Stadt
  2. Flügel
  3. Als der Sturm vorbei war
  4. Mein Kind
  5. Straße nach Peru
  6. Totgesagte Welt
  7. Im Stillen
  8. So wieder leben
  9. Radio Resistance
  10. Schöner Tag
  11. Visionen von Marie
  12. Tasunoro
  13. Ikonen
  14. Bis nach Haus

Gesamtspielzeit: 52:59 min.

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