Ani DiFranco - Which side are you on?

Ani DiFranco- Which side are you on?

Righteous Babe / Tonpool
VÖ: 20.01.2012

Unsere Bewertung: 5/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Im Ortsverein

Gentrifizierung wohin man schaut. Auch Ani DiFranco hat sich zu rechtfertigen für den Gang ihrer Karriere: Aus ihrem scheinbar urtümlichen, kleinen und sehr eigenen Mikrokosmos ist längst ein Hort für Zugezogene, der Aufhübschungen und Annehmlichkeiten geworden. Die Ureinwohner ärgern sich über hippe Boutiquen, die Galerien neben der Trinkhalle, die unzähligen Studenten, die Intellektualisierung, die steigenden Mietpreise und den verlorenen proletarischen Charme. Und selbstkritischer gewendet kann sich ja jeder selbst beim Älterwerden zuschauen: Wie sich die eigenen Krallen des politischen Engagements irgendwann abschleifen und aus der jugendlichen Antifa-Vergangenheit der gegenwärtige Bioladen-Ablasshandel wird.

Vor circa 20 Jahren war Ani DiFranco die brillanteste, wunderbarste Stimme eines wünschenswert vehementen Feminismus und schrieb aus persönlicher Betroffenheit und politischem Sendungsbewusstsein unzählige musikalische Manifeste, die bei aller Direktheit niemals kopflos daherkamen. Seit ihrem folkigen Debüt von 1989 veröffentlichte sie scheinbar mühelos im Dreivierteljahrestakt zwei Handvoll sehr guter bis meisterlicher Alben. Die waren randvoll mit Texten von unübertroffenem sprachlichen Feingefühl und einem gleichermaßen virtuosen wie unmittelbaren Gitarrenstakkato, dessen Druck auf Alben wie "Dilate" Mitte der 1990er manchmal mehr Assoziationen an Rage Against The Machine als an Tracy Chapman weckte.

Es ist sicherlich nicht fair, den Zement anzurühren, um die Ikonen auf ewig einzumauern in ihrer eigenen Vergangenheit. Zumal die Schritte DiFrancos lange wohlgewählt schienen - erst bekam ihr Folk Rockbandgesellschaft, dann machten sich funky Bläser breit und jazzigere Gesangslinien. DiFranco kommt vom Folk über den Punk zum Funk zum Jazz. Eine Songwriterin von ihrem Niveau ist natürlich auch auf "Which side are you on?" schlicht unfähig, wirklich schlechte Songs zu schreiben. Und wie unzählige Male zuvor fließt ein "Lifeboat" aus ihrer Feder, als wäre es das Einfachste der Welt. Auch das Titelstück, unter anderem zuvor interpretiert von Pete Seeger, marschiert mit Selbstvertrauen und schwingt sich zum Programm auf. Ansonsten aber gibt sich "Which side are you on?" doch ziemlich nett und abgeklärt. Rein musikalisch betrachtet taugt es gar zur Beschallung für die Jazzlounge. Es ist wenig zu sagen dagegen, dass auch Künstler nach der Zufriedenheit schnappen, sobald sie vorüberzieht. Aber DiFranco ist keine Freundin aus dem Lieblingscafe gegenüber.

So sehr "Which side are you on?" auch die Fäuste reckt, DiFranco treibt durch flauschige Gefälligkeiten wie "Splinter", "Mariachi" und "Hearse" ihre musikalische Entpolitisierung voran. Irgendwann geht selbst die Wut vor die Hunde. Zwischenzeitlich muss man gar an den Wattebauschpop eines Jack Johnson denken. Ihr Werdegang der letzten Dekade erinnert an den von Tori Amos: Beide stolpern nicht über die allzu menschlichen Verlockungen des musikalischen Mainstreams, der viel mehr von ihnen lernte als umgekehrt, sondern über ihre eigene Gesetztheit. Die Verletzungen heilen eben ab mit der Zeit. Da mag DiFranco den Kritikern zwar den Wind aus den Segeln nehmen, wenn sie singt: "If you're not gettin' happier as you're gettin' older / Then you're fuckin' up." Womöglich aber sind das nur die Zweifel, die sich bei ihr selbst breitmachen.

(Nicklas Baschek)

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Highlights

  • Lifeboat
  • Which side are you on?

Tracklist

  1. Lifeboat
  2. Unworry
  3. Which side are you on?
  4. Splinter
  5. Promiscuity
  6. Albacore
  7. J
  8. If yr not
  9. Hearse
  10. Mariachi
  11. Amendment
  12. Zoo

Gesamtspielzeit: 52:42 min.

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