Corridor - Real late

Corridor- Real late

Manimal / Cargo
VÖ: 13.01.2012

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Ich bin zwei Bands

Im Grunde macht Michael Quinn als Corridor eine ziemlich düstere Variante dessen, was man einst vielleicht Sophisticated Pop genannt hätte. Ja ganz Recht, das ist lange her. Und wo sich etwa Prefab Sprout noch recht scharfzüngig vom nervig unterkühlten Kunterbunt der 1980er absetzen konnten, indem sie einfach Intensität einforderten, da muss sich Quinn nun gegen allerlei mit "Post" vor dem Namen behaupten. Post-Rock, aber auch Post-TripHop, Post-Kraut, Post-Wave und irgendwie auch Post-Pop zerschallt sein Zweitwerk "Real late" zu einem Rattenfänger mit erstaunlicher Dichte. Und das liegt vor allem daran, dass sich Quinn nichts auf den Buckel hievt, was er nicht auch schultern könnte.

Schlagzeuger ist er, aber auch Gitarrenspieler und Cellist. Von ersterem hört man auf "Real late" eine ganze Menge, von mittlerem an den stets genau richtigen Stellen, von letzterem gottlob nur dann mal was, wenn es zu Songstruktur und -vertiefung beiträgt. Oder auch um kurz eine unangenehme Apocalyptica-Gänsehaut anzutäuschen, nur um gleich darauf unmissverständlich klarzumachen, dass so viel mehr in diesem Instrument steckt als tumbe Kopfschüttel-Frequenzen. Ansonsten aber ist der Beat-Wille durchaus das unbedingte Plus der stets trippig ausartenden, doch auch eine Menge Abwechslung ins Arrangement drückenden "Objective lens" und "Roam room".

Ob nun Klaviere oder Flamenco-, Western-, Zitar- und 70ies-Gitarrenläufe, ob Post-, Wave- oder Krautrock-Bässe, Shoegaze-Delay, Indietronics und Spooky-Electronica: Rhythmische Stärke steckt hier überall drin. Aber auch melodische Großtaten wie bei "Willful", wo sich eine Minimelodie auf der Gitarre derart sachte über den Beat schiebt, dass der Hörer beim Mitnicken beinahe schon ein schlechtes Gewissen bekommt - sich allein deshalb aber nicht davon abhalten lassen sollte. Oder bei "Rebuilding my internal world", das seinen zuckenden Beginn nie aus den Augen verliert, dabei aber immer mehr Intensität und Variation durch sein Instrumentarium schiebt. Wenn dann noch all die verschiedenen Sounds sowohl im Genrekatalog als auch in den jeweiligen Songs passgenau aufgeschlagen und eingesetzt werden, so zeigt sich Quinn schon als Meister eines Fachs, das eigentlich gar keinen Bestand haben dürfte - ihn aber dennoch hat.

Denn Quinn spielt zwar, als sei er mindestens zwei Bands, verliert aber wahrlich nie den Zusammenhalt aus dem Blick. Und er singt dazu mit einer angefrosteten Stimme, die stets tief genug im Mix sitzt, um nicht - wie bei so erschreckend vielem seit Ian Curtis - als einziges hohles Statement zu wirken. Dennoch: Mag Quinn auch alles andere zum Wohle der Songs perfekt beherrschen, so bringt vor allem sein Schlagzeug Farbe und Konsistenz in die Musik. Die Beats entwickeln stets genau so viel Druck, dass zwar beizeiten ansprechend gestampft wird, die teils jazzigen Wirbel und Betonungen jedoch nie verschwinden. So etwa bei "Pieces of work", das sich ein Saxophon zu wenig und ein The-Strokes-Riff zu viel mit Red Snapper teilt. Oder den Klavierakkorden von "C.I.T.M.", die sich mit allem anderen zu einem einzigen Rhythmus-Klumpen zusammenballen. Übersieht man sich die ganze Sache, so wird aus "Real late" dann doch eher so etwas wie Post-Sophisticated-Rock. Zu dicht und griffig klingt all das - vor allem aber nach einer Menge mehr.

(Tobias Hinrichs)

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Highlights

  • Objective lens
  • Roam room
  • Willful

Tracklist

  1. Objective lens
  2. Pieces of work
  3. Roam room
  4. C.I.T.M.
  5. Rebuilding my internal world
  6. Willful
  7. Acclaim

Gesamtspielzeit: 40:05 min.

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