Trailer Trash Tracys - Ester

Trailer Trash Tracys- Ester

Double Six / Domino / GoodToGo
VÖ: 13.01.2012

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Das Lynchpaket

"Für etwas weniger Schmerz auf dieser Welt." So beendete einst ein Pharmakonzern den Werbespot für ein Arzneimittel mit Hauptbestandteil Acetylsalicylsäure - einer Sorte Ester, die allenfalls gegen Kopfweh und Fieber hilft. Eine andere Kategorie Dröhnung dürfte das Zeug bewirken, nach dem Trailer Trash Tracys aus London ihr erstes Album benannt haben: mindestens bewusstseinserweiternd und idealerweise berauschend. Aber Vorsicht: Unter den falschen Rahmenbedingungen und bei Unverträglichkeit gegenüber aufgeworfenem Shoegaze-Lärm oder Dream-Pop mit Albtraumpotenzial kann "Ester" auch ganz schnell zum Horrortrip werden. Dem Quartett um Sängerin Suzanne Aztoria und Gitarrist Jimmy Lee wird's recht oder zumindest billig sein.

Zahlreicher Verweise auf den Trauma-erprobten Regisseur David Lynch können sich die vier ohnehin nicht erwehren - wie auch, wenn Angelo Badalamentis sonore Bassfigur aus dem "Twin Peaks"-Titelthema gleich mehreren Songs ein Rückgrat verleiht, vor dem Aztorias verhuschter Hauchgesang, durch die Echokammer gewälzte Keyboards und perkussive Kapriolen allerlei weich explodierendes Getöse veranstalten. Und als wäre das für ein Debüt nicht schon allein eine Menge Holz, geben Trailer Trash Tracys außerdem zu Protokoll, ihre Gitarren ausgerechnet an den angeblich heilenden Frequenzen der Selfeggio-Sechstonleiter auszurichten. Vermutlich eine ähnlich bescheuerte Idee wie der von einer schwedischen Death-Metal-Bar entlehnte Bandname.

Zumal wahrscheinlich nicht einmal Lynch selbst bei diesem verwunschen durchs Geisterreich tappenden Album Ruhe zum Meditieren hätte. Der krautig zerdehnte Opener "Rolling - kiss the universe" eignet sich jedenfalls genauso wenig als Hintergrundmusik wie "Starlatine", wo sich die Gitarre zum Backbeat kunstvoll scheppernd selbst demontiert. Doch es geht auch mit subtileren Mitteln, wie die skelettiert durch den Hallraum wogende Single "You wish you were red" beweist: Ein Spritzer Raveonettes, ein Hauch The Xx, und schon dringen grünliche Sonnenstrahlen durchs oft hermetisch abgeriegelte Dickicht. "Dies in 55" träumt sich gleich danach in ein Jenseits, wo auch eine hektische Drummachine prächtig klingelnden Keyboard-Kaskaden nichts anhaben kann.

Auf den Pelz gerückt wird hier anderen: Das "Candy girl" locken Trailer Trash Tracys zunächst mit klebrigen Süßigkeiten an, jubeln ihm aber bald einen säuregetränkten Löschpapierbogen unter. "Strangling good guys" übt zu umnachtet zirkulierenden Hochtönen und explodierendem Fuzz hörbar selbstzufrieden Lynchjustiz - und meint dabei ausnahmsweise einmal nicht den Filmemacher. Sicher: Ist man ehrlich, macht "Ester" immer dann den kompaktesten Eindruck, wenn jeden Moment Agent Cooper mit Reagenzglas in der einen und einer Tasse verdammt gutem Kaffee in der anderen Hand neben einem stehen könnte. Doch wie sollte eine so hochkarätige Inspirationsquelle dieses rundum großartige Debüt mit prallgefüllter Bordapotheke schmälern? Kopfschmerz lass nach.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • You wish you were red
  • Dies in 55
  • Candy girl
  • Strangling good guys

Tracklist

  1. Rolling - kiss the universe
  2. You wish you were red
  3. Dies in 55
  4. Engelhardt's Arizona
  5. Los Angered
  6. Starlatine
  7. Candy girl
  8. Strangling good guys
  9. Black circle
  10. Turkish heights

Gesamtspielzeit: 33:44 min.