Rammstein - Made in Germany - Best of

Rammstein- Made in Germany - Best of

Vertigo / Universal
VÖ: 02.12.2011

Unsere Bewertung: 4/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Schampus mit Lachsfisch

"Where are you from?", fragte mich der Typ hinterm Tresen eines Pubs in der englischen Provinz, als ich bei ihm in meiner leicht teutonisch gefärbten Aussprache ein paar Guinness orderte. "Germany", antwortete ich und biss mir sogleich auf die Zunge. Was würde jetzt kommen? Das übliche Aufkochen dümmlicher Nazi-Sprüche, das gerade Engländer immer noch für höchst geistreichen Humor halten? Doch nichts dergleichen. Der Barkeeper lachte, stellte mir die Pints hin und drehte sich zu seiner Stereoanlage um. "Seltsam", dachte ich mir, als ich zum Platz zurückging. Nur um wenige Schritte später beinahe längs hinzufallen, als aus den Pub-Lautsprechern kommend plötzlich eine Dampfwalze über mich fuhr: "Du / Du hast / Du hasst mich", grunzte Till Lindemann, während mir der Barkeeper freudig seinen Daumen entgegenreckte.

Diese Szene hätte sich auch irgendwo anders in Großbritannien, den USA oder im Grunde jeder anderen hochentwickelten Industrienation abspielen können. Rammstein genießen vielerorts ein Ansehen, das Angela Merkel nur allzu gerne hätte. Ihren Status als Exportschlager "Made in Germany" wird die Testosteron-Clique mit dem so betitelten Best of sicherlich noch weiter zementieren. Mag die Geschmackspolizei auch verzweifelt mit den Augen rollen: Es lässt sich nicht von der Hand weisen, dass die Rammstein-Story seit der Veröffentlichung des Debüts "Herzeleid" 1995 eine Erfolgsgeschichte ist. Die Mischung aus eindimensionalen Presslufthammer-Riffs, kitschigem Blut-Schmerz-Tränen-Pathos und verdächtig gerolltem "r" kalkulierte die öffentliche Kontroverse mit ein und somit auch den kommerziellen Erfolg. Vor diesem Clou muss man nicht den Hut ziehen, man kann den Beteiligten jedoch durchaus Respekt zollen.

Leider wird die Musik auf "Made in Germany" durch etwas Anerkennung nicht besser. Besonders "Amerika" bleibt, man kann es drehen und wenden wie man will, einfach ein unerträgliches Stück Pop-Metal mit dem wohl dämlichsten Refrain der Rockgeschichte. Generell entwickelten Rammstein immer dort ein besonderes Fremdschäm-Potenzial, wo sie sich an gesellschaftlichen Normen abarbeiteten. "Mein Teil" böllert und wummert rund um das Ekel-Thema Kannibalismus, doch bei Fünftklässler-Reimen wie "Weiche Teile und auch harte stehen auf der Speisekarte" blieb schon 2005 kaum ein Auge trocken. In "Pussy" wollten Rammstein sexuelle Tabus lächerlich machen, schafften dies aber nur mit sich selbst. Auch über den 2001er-Hit "Sonne", in dem Lindemann selbstsicher verkündet "Die Welt zählt laut bis zehn", nur um anschließend bis maximal acht zu zählen, konnte man schon damals herzhaft lachen. Und wie um zu beweisen, dass die schlechten Zeiten beileibe noch nicht vorüber sind, platzieren Rammstein mit "Mein Land" einen neuen Track auf "Made in Germany", der selbst ohne den deutschtümelnden Text die Handflächen vor das Gesicht zwingen würde.

Warum Rammstein auf Auskopplungen wie "Seemann", "Benzin" und "Mann gegen Mann" oder auch das Depeche-Mode-Cover "Stripped" verzichtet haben, bleibt schleierhaft. Schlechter als anderes hier vertretenes Material sind diese Lieder sicherlich nicht. Immerhin muss man den Berlinern attestieren, dass sich zwischen all dem Grauen auf "Made in Germany - Best of" auch überraschend unpeinliche Singles verstecken. Im Vergleich zu anderem Manni-vom-Schrottplatz-Gedächtnisrock entpuppt sich der '98er-Hit "Engel" als geradezu anmutig, auch die Riffs kommen hier präzise statt dumpf. Im zackigen "Links-2-3-4" gelang Lindemann und Co. das Spiel mit der Ironie wenigstens einmal. Auch "Du riechst so gut" stinkt weitaus weniger als sein dümmlicher Titel. Aber im Grunde ist bei einem Album wie "Made in Germany - Best of" jegliche Bewertung überflüssig. Wem Rammstein seit jeher suspekt waren, der wird seine Meinung jetzt garantiert nicht ändern. Kneipenwirte in England, Amerika und Russland hingegen freuen sich über eine weitere CD, mit der sie deutsche Touristen beschallen können.

(Mark Read)

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Highlights

  • Engel
  • Links-2-3-4

Tracklist

  1. Engel
  2. Links-2-3-4
  3. Keine Lust
  4. Mein Teil
  5. Du hast
  6. Du riechst so gut
  7. Ich will
  8. Mein Herz brennt
  9. Mutter
  10. Pussy
  11. Rosenrot
  12. Haifisch
  13. Amerika
  14. Sonne
  15. Ohne Dich
  16. Mein Land

Gesamtspielzeit: 66:42 min.

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