Graveyard - Hisingen blues

Graveyard- Hisingen blues

Nuclear Blast / Warner
VÖ: 25.03.2011

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Rettervorhersage

Graveyard sind zu spät. Viel zu spät für den 1970er-Jahre-Bluesrock, der musikhistorisch so abgeschlossen ist, dass ihm selbst die Urväter Led Zeppelin 2007 mit ihrem einmaligen Benefiz-Reunion-Gig in London kein neues Leben mehr einhauchen konnten. Ebenfalls noch ein ordentliches Stück zu spät für Retrorock, der schon Anfang bis Mitte der 2000er Jahre das Erbe besagter Gründerväter und modernen Indierock mit teils zweifelhaftem Erfolg kreuzte. Eine Platte, die sich 2011 immer noch vor allem auf jenes magische Gitarrenzeitalter vor 40 Jahren bezieht, sollte also besser einen cleveren, innovativen Zugang dafür finden. Oder eben so klingen wie Graveyards "Hisingen blues".

Die Schweden, die ihr zweites Album nach ihrer heimatlichen Göteborger Insel benannt haben, versuchen erst gar nicht, irgendetwas am Stil und Sound von damals weiter zu entwickeln oder zu reinterpretieren. Genauso, wie die Bandmitglieder mit selbstverständlichem Stolz lange Haare und Oberlippenbart zu Jeanshemd und Schlaghose tragen, perfektioniert auch "Hisingen blues" einfach sämtliche Trademarks der Vergangenheit von psychedelischem, Blues-infiziertem Hardrock. Das fängt an mit der analogen Produktion, die das Album wie einen lebendigen Organismus warm atmen lässt, geht mit dem leicht mystischen Flussfahrt-Cover weiter und hört beim Sound auf, der vor allem zwei Göttern huldigt: Led Zeppelin und Black Sabbath.

Von letzteren haben sich Graveyard noch mehr als von Jimi Hendrix den satt-psychoaktiven Gitarrensound geborgt, der gelegentlich an Doom und Stonerrock kratzt. Außerdem erinnert der Titeltrack - trotz waberndem Flanger-Intro - nicht zufällig zu Beginn an deren ewigen Hit "Paranoid". Der große Rest aber stammt von den anderen großen Engländern: Wenn die Stimme von Sänger Joakim Nilsson immer wieder souverän zwischen schrill und bluesig ins Kreischen gerät, sieht man vor dem geistigen Auge Robert Plants männliche Diven-Gesten. Der langsame Blues-Groove von "No good, Mr. Holden" wiederum ist eigentlich nur eine vollere, virilere Variante von "Since I've been loving you".

Auch die überlegene Rhythmus-Arbeit von Zeppelin-Basser John Paul Jones und -Schlagzeuger John Bonham ersteht bei den Schweden in brillanten Groove-Monstern wieder auf, der diabolisch-dynamische Riffritt "Ain't fit to live here" zieht vor lauter Energie beinahe hektisch nach vorn, während das atemberaubend lässige "Buying truth (Tack & förlåt)" mit seinem 6/4-Takt im Refrain bei aller Power sogar musikalisch versiert daherkommt. Das nur anfangs balladige "Uncomfortably numb" dagegen klingt ein bisschen nach dem jungen Woodstock-Joe-Cocker und liefert gegen Ende marschierende Blues-Gitarrensoli par exellence. Und mit dem Instrumental "Longing" haben Graveyard auch das für 1970er-Mystik unverzichtbare Interlude dabei, das Tarantino-Soundtrack, Western-Charme und entrückte Mittelalter-Ballade vereint.

Wenn die Band sich dann im finalen "The siren" von der ruhigen Strophe bis zum aufbrausenden Sound-Orkan vor- und Nilsson sich mit seinem kraftvollen Gesangsausbruch einen Janis-Joplin-Vergleich erarbeitet, sind auch die letzten Zweifel ausgeräumt, dass "Hisingen blues" sein hohes Niveau vielleicht nicht in jedem Song halten könnte. Kein Wunder, dass schon das 2007er Debüt der Schweden sogar die Metal-Spezialisten vom deutschen Label Nuclear Blast so überzeugte, dass sie die Band anschließend sofort unter Vertrag nahmen - im Jahr 2011 stehen Graveyard in Sachen dynamischer, kraftstrotzender Hardrock einsam an der Spitze eines nur noch selten erfolgreich beackerten Genres, das ein paar Retter gut gebrauchen kann. So gesehen kommt die Band gerade zur rechten Zeit.

(Dennis Drögemüller)

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Highlights

  • Ain't fit to live here
  • Hisingen blues
  • Buying truth (Tack & förlåt)
  • The siren

Tracklist

  1. Ain't fit to live here
  2. No good, Mr. Holden
  3. Hisingen blues
  4. Uncomfortably numb
  5. Buying truth (Tack & förlåt)
  6. Longing
  7. Ungrateful are the dead
  8. RSS
  9. The siren

Gesamtspielzeit: 39:34 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

MasterOfDisaster69

Postings: 541

Registriert seit 19.05.2014

2017-11-14 12:20:34 Uhr
die gibt es ja doch noch !
Und waren im Oktober am Touren, Ende November dann auch bei mir in der Nähe...

sehr gut !
Ein Truckfighter
2017-01-25 11:35:40 Uhr
Ist es nicht eine Art Liebesbeweis gegenüber der Band und diesem Album, wenn man, jedesmal wenn man es hört, fast in Tränen ausbricht?

..Wenn Nilsson mit dem so schön zu zitierenden "kraftvollen Gesangsausbruch" die Freuden und Sehnsüchte jedes einzelne mal wieder aufleben lässt? Sie sollen zurückkommen, das ist mein großer Wunsch...
colin
2012-01-06 20:14:16 Uhr
ich finds ein wenig schwächer als ihr debut. mir gefallen mehr diese "ruhigeren" momente. die gibts beim neuen album nicht mehr in dem maße. naja, trotzdem geile scheibe!
spon
2011-08-04 20:01:47 Uhr
amtlich!
qwertz
2011-06-14 22:59:56 Uhr
super - hab sie gestern von nem freund bekommen und heute auf der autobahn beim heimfahren gehört. geht gut ab!
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