King's Daughters & Sons - If then not when

King's Daughters & Sons- If then not when

Chemical Underground / Rough Trade
VÖ: 16.12.2011

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Mit Gefühl

Musik aus Louisville, Kentucky kennt spätestens seit den 1980er Jahren eigentlich nur zwei Aggregatzustände: entweder krachig, spitz und rhythmisch komplex oder aber melancholisch, verhuscht, wie aus einer anderen Zeit gefallen. Das liegt allerdings weder an einem ominösen "Sound dieser Stadt" noch an dem Urknall mit Namen Slint, sondern vielmehr daran, dass sich hier stets dieselbe Handvoll Musiker zu immer neuen Projekten anstachelt. Bei King's Daughters & Sons sind mit Kyle Crabtree, Todd Cook und Rachel Grimes erneut drei original Louisviller Springinsfelds an Bord. Komplettiert durch Joe Manning und Michael Heinemann spielen sie auf ihrem Debüt "If then not when" Düsterfolk mit ein wenig scharfer Kante - genau das also, was man von Musikern aus dem Umfeld von Rachel's, Shipping News und The For Carnation erwarten darf.

Damit kommt auf "If then not when" ein weiteres Trademark quasi automatisch hinzu: Es gibt wohl mittlerweile kaum ein Musikerkollektiv, das sich über Sound und Arrangement derart einig ist und demgemäß in nahezu blindem Verständnis zusammenspielt. So zeigen sich die Gitarren selbst bei dem knurrigen Proto-Funk von "Dead letter office" und "The anniversary" teils perlend und verträumt, dann wieder drückend, halbresonierend und in Neil-Young-Synkopen verkracht. Und dabei kommunizieren sie mit Grimes' Klavier in gleichberechtigter, ja beinahe basisdemokratischer Partnerschaft. So etwa im wundervollen "Arc of the absentees", wo Schlafliedmelodien sanft vor sich hin schaukeln und Grimes ihr reduziertes Piano dazwischenwirft, mit dem sie seit Jahr und Tag klassische Skizzen in einfachste Dreiklänge überträgt.

Neu ist hingegen, dass sie Hellmann und Manning auch gesanglich unterstützt - und die Präsenz ihrer Stimme lässt rätseln, weshalb man sie nicht schon sehr viel häufiger in dieser Rolle hören durfte. Insbesondere Mannings ebenso tiefer wie flüsternder, teils nur für Sekunden aufbrausender Vortrag wird von Grimes' sehr klarer und weicher Stimme perfekt unterstützt. Und auch sonst erschaffen King's Daughters & Sons einen Strom, der oft genug anzieht, die zuvor in abgedunkelten Sektoren ihren Dienst verrichtende Rhythmusfraktion nach vorne schiebt, dabei aber nie das Harmonische und Ergreifende aus dem Blick verliert. Denn auch Crabtree und Cook spielen ihren Bass und ihr Schlagzeug zum einen in der gewohnt spartanischen Rhythmik, zum anderen aber, als ginge es wenigstens um die Wiederauferstehung längst vergangener Träume und Geisterfiguren.

Wer sich fragt, ob Musik tatsächlich nach etwas derart Abstraktem klingen kann, dem sei die melodische wie lyrische Flussbiegung vor "Lorelei" ins Herz gepflanzt. "Sleep now, don't you cry / Sweet darling / Sweep now, close your eyes / Come six black ships and fog / Come Lorelei." Auch "Open sky" ist so ein Lied, gesungen nicht nur als Heileheileweh, sondern direkt retour ins kulturelle Gedächtnis geschickt und hier an jemanden adressiert, dessen Recht auf ein wenig Beistand durch vergangene Jahrzehnte keineswegs verwirkt sein sollte: "Take my hand / It's all I have to offer." Wie sich hier - aber auch beim pochenden Schiffrumpfgebälk von "Sleeping colony" - der Chorgesang mit schwebendem Nachdruck in einzelne Zeilen schiebt, das ist an sich bereits eine einzige Memorabile in dunklem, warm temperiertem Trauerbrokat.

Auch sonst steckt "If then not when" voller Erinnerungsstücke, milder Gaben und Gedenkfeiern. King's Daughters & Sons spielen ihre Musik in vollster Tragik und doch vollkommen frei vom Klischee der nackten Füßchen im Achsobitterkalt. Nostalgisch-romantisch wie Oliver Twist, unter der Oberfläche knurrend wie ein Stephen-King-Idyll - aufgeschüttelt zu Dramen, in denen der amerikanische Traum all seine Opfer als schemenhafte Geister beschwört. Kein Schockmoment, sondern ein Innehalten. Konzentrieren, erinnern. Mitgefühl.

(Tobias Hinrichs)

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Highlights

  • Arc of the absentees
  • Dead letter office
  • Lorelei

Tracklist

  1. Sleeping colony
  2. Arc of the absentees
  3. Dead letter office
  4. The anniversary
  5. A storm kept them away
  6. Volunteer
  7. Lorelei
  8. Open sky

Gesamtspielzeit: 48:03 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Mayakhedive

Postings: 1177

Registriert seit 16.08.2017

2019-08-08 20:43:41 Uhr
Alles klar, ich halte die Augen offen.

VelvetCell

Postings: 1472

Registriert seit 14.06.2013

2019-08-08 20:42:40 Uhr
Könnte klappen. Kann ich aber noch nicht zusagen. Melde mich!

Mayakhedive

Postings: 1177

Registriert seit 16.08.2017

2019-08-08 20:41:40 Uhr
Sehr, sehr gern, wenn heute auch zeitlich etwas eng für mich wird. Morgen, so irgendwann zwischen 16:30 und 21:00?

VelvetCell

Postings: 1472

Registriert seit 14.06.2013

2019-08-08 20:38:40 Uhr
Eine Listening Session muss geplant werden!

Mayakhedive

Postings: 1177

Registriert seit 16.08.2017

2018-12-17 22:25:44 Uhr
Heimlich, still und leise hat sich das Album zu einem meiner liebsten überhaupt gemausert.
Unfassbar schön und jedes Lied ein kleines Juwel.
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