Magazine - No thyself

Magazine- No thyself

Wire-Sound / Cargo
VÖ: 25.11.2011

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Die Bedeutungshoheit

Von Popularität kann man sich nicht immer etwas kaufen. Magazine aus Manchester nützte es jedenfalls kaum, dass ihre vier von 1978 bis 1981 veröffentlichten Alben ein wichtiges Bindeglied zwischen Post Punk und New Wave markieren und Musiker wie Radiohead oder Morrissey die Band um Howard Devoto als maßgeblichen Einfluss anführen. Omnipräsente Evergreens und flächendeckenden kommerziellen Erfolg gab es woanders: bei den Buzzcocks, denen Devoto nur in den Anfangstagen kurz angehörte, oder bei Visage, wo zwischenzeitlich fast die komplette Magazine-Besetzung im Studio aushalf. Für den Sänger blieb nach der Auflösung lediglich das kurzlebige Bandprojekt Luxuria mit dem späteren Apollo-440-Mitglied Norman Fisher Jones alias Noko sowie ein Album mit Buzzcocks-Kollege Pete Shelley.

Doch unlängst kamen Devoto, Drummer John Doyle und Keyboarder Dave Formula wieder auf den Geschmack und holten Noko für den 2004 verstorbenen, einst prägenden Gitarristen John McGeoch in die Band - das erste Magazine-Album seit 30 Jahren war beschlossene Sache. Und auch wenn die exaltierte Kopplung aus rüttelndem Art-Punk Marke Wire und Roxy-Music-Glam nur noch wenigen präsent sein mag: "No thyself" funktioniert. Als zwischen allen Stühlen sitzender Beitrag zum anhaltenden Post-Punk-Revival genauso wie als spitzfindig-schräges Pop-Album. Mit Devoto als wortgewaltigem Frontmann, der seine Songs mit trickreich abgewandelten Zitaten aus Literatur und Popkultur vollstopft, sich auf Proust oder Dostojewsky bezieht und dessen entgeisterter Gesang Kitchensink-Drama und geistreiche Selbstreferentialität vereinigt.

Vor allem aber macht es diesem Impresario der komplexen Dichtungen einen Heidenspaß, dem Hörer die (Be-)Deutungshoheit über seine bilderstürmenden Lyrics zu überlassen und ihn zuweilen mutwillig zu überfordern. "Do the meaning" lädt zur fidelen Sinnsuche zwischen Wohnklo und Alice im Wunderland, "Other thematic material" verspritzt sexuelle Eindeutigkeiten im Sekundentakt und spricht überdeutlich aus, was Jarvis Cocker im lüsternen Serviererinnen-Song "Angela" bloß andeutete. Dazu röhren voluminöse Gitarren, schwurbelt der Bass und ächzt die Orgel, und sogar für ein paar temporeiche Riff-Rocker sind die gesetzten Herrschaften zu haben. Ist es ihnen doch offenbar eine Genugtuung, Joy Division überlebt, Nirvana ausgesessen und sich selbst Verve und Dynamik bewahrt zu haben. Und damit etwas weitaus Besseres gefunden zu haben als den Tod.

Trotzdem mauschelt "Holy dotage" schiefhumorig mit der Altersschwäche und entlarvt "Hello Mister Curtis (With apologies)" den Mythos verblichener Rock'n'Roller als hübsch-hässliche Angelegenheit: "I've made my decision to die like a king / Like Elvis, on some godforsaken toilet." Und wenig später: "I hope I die before I get really old." The Who wären vermutlich not amused - doch Magazine nicken in "The worst of progress ...." mit düster schiebendem Dub-Groove ohnehin lieber den Specials zu und drücken sich bei "Final analysis waltz" stirnkräuselnd über die Paartanzfläche. Zu guter Letzt schultert die Band mit kickendem Uptempo "The burden of a song" - als wüsste sie schon jetzt, dass auch "No thyself" wohl kaum in relevanten Verkaufslisten auftauchen wird. Manche Dinge ändern sich eben nie. Und das ist zumindest musikalisch sehr gut so.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • Do the meaning
  • Hello Mister Curtis (With apologies)
  • Holy dotage
  • The burden of a song

Tracklist

  1. Do the meaning
  2. Other thematic material
  3. The worst of progress ....
  4. Hello Mister Curtis (With apologies)
  5. Physics
  6. Happening in English
  7. Holy dotage
  8. Of course Howard (1979)
  9. Final analysis waltz
  10. The burden of a song

Gesamtspielzeit: 44:34 min.

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