David Lynch - Crazy clown time

David Lynch- Crazy clown time

Sunday Best / PIAS / Rough Trade
VÖ: 04.11.2011

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Weird at heart

Eigentlich erwartet man von David Lynch nicht viel mehr, als dass er mal wieder einen guten Film macht. Meditationszentren auf dem Teufelsberg, am besten mit Donovan? Geschenkt. Möbeldesign? Nun ja. Fotografie, Malerei und was die bildenden Künste sonst noch bereithalten? Kann man machen. Bevor in naher Zukunft aber hoffentlich wieder Gruselbilder amerikanischer Kleinstadtenge zu sehen sein werden, gibt es fürs Erste "Crazy clown time" - Debütalbum von Großmeister Lynch, Soundtrack der Beklemmung, vielleicht das Absurdeste, was man dieses Jahr noch zu hören bekommt. Also etwas ganz Großartiges!

"Pinky's dream", eingesungen von Karen O, geht dann schon mal in die richtige Richtung, wenn man man Musik erwartet, die klingt, als würde die tote Laura Palmer anstelle von Dorothy Vallens in Paillettenkleid auf der Bühne stehen. "Pinky, what do you see / Pinky tell me / Are you laughing or are you crying?", heißt es da, getrieben, scheu, unheimlich und dennoch direkt. Dazu wird geschluchzt und gehaucht, im Hintergrund weht eisig ein Hall aus Twin Peaks. Die Frage, ob Pinky denn nun lacht oder weint, wird nicht beantwortet. Es ist genau dieser Zustand des Undefinierbaren, der "Crazy clown time" zu einer nicht fassbaren Angelegenheit macht. Nicht fassbar zum einen, weil man sich natürlich fragt: Warum tut Lynch das? Dieses Vocoder-Nuscheln, das klingt wie ein unglückliches Monster mit Tränensäcken? Oder "Football game": als hätte Iggy Pop eins auf die Fresse bekommen und würde trotzdem einen Song aufnehmen - über Fußball. Nicht zu fassen, vor allem, weil "Crazy clown time" einem immer wieder aus den Händen gleitet.

Verfolgt Lynch in seinen Filmen die dramaturgische Idee eines Möbiusbandes, das sich inmitten der Handlung umkehrt, um dann wieder zum Ausgangspunkt zurückzukehren, wirkt seine Musik weniger konzipiert. Wenn es dennoch so etwas wie ein Konzept geben sollte, dann vielleicht jenes, dass im ersten Moment der Eindruck einer Popstruktur erweckt wird. Im zweiten Moment wird jedoch klar, dass irgendetwas schief ist. Ausnahmen, wie "Good day today" oder das wunderbar schnoddrige "I know", beide bereits vorher als EP veröffentlicht und in ihrer Eingängigkeit auf eine falsche Fährte lockend, werden von den psychotischen Meditationsstücken "Noah's arc" (inklusive Scratching) und "Strange and unproductive thinking" abgelöst. Ersteres hantiert sogar mit TripHop-Anleihen, während der dysfunktionale Denkvorgang an eine krautige Irrfahrt mit Velvet-Underground-Riff und digitaler Predigt erinnert.

"The night bell with lightning" wäre der ideale Soundtrack zu "Paris, Texas" gewesen, hätte Lynch nicht zeitgleich "Dune" gedreht. Generell ist "Crazy clown time" ein Pool an Referenzen, ein Katalysator für seltsame Sequenzen und Episoden im eigenen Kopf. "These are my friends" lässt einen gebrochenen Mann hinter Kunstnebel erahnen, der besoffen und herzzerreißend in ein Mikrofon lallt - die Kellnerin räumt indessen schon mal die dreckigen Gläser von den Tischen, der personalisierte Rausschmeißer auf der Bühne, beim Verlassen des Ladens kotzt jemand auf die Straße. Ein ganz und gar verstörendes Werk also, das dann aber doch mehr Anknüpfpunkte bietet als anfangs erwartet. "Speed roaster" spricht mit den Worten "Shit I got fucked / I hope you're sad" Bande: Die Rotzigkeit der Kapitulation in einfachen Worten, mit einem Beat kurz vorm Stillstand und Gitarren im Reverb. Man kann das alles auch ziemlich scheiße finden. Wenn aber alles ziemlich scheiße ist, dann stellt Lynch mit "Crazy clown time" eine große Flasche Gin auf den Tisch.

(Carolin Weidner)

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Highlights

  • Pinky's dream
  • I know
  • These are my friends

Tracklist

  1. Pinky's dream
  2. Good day today
  3. So glad
  4. Noah's arc
  5. Football game
  6. I know
  7. Strange and unproductive thinking
  8. The night bell with lightning
  9. Stone's gone up
  10. Crazy clown time
  11. These are my friends
  12. Speed roadster
  13. Movin' on
  14. She rise up

Gesamtspielzeit: 68:51 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

The MACHINA of God

Postings: 17589

Registriert seit 07.06.2013

2017-03-12 00:48:17 Uhr
It's crazy clown time.
Kotzbalken
2013-09-12 18:01:43 Uhr
Versiffte Bar mit düster-kaputtem Katergefühl ist für mich Tom Waits.

Stimmt, hörs gerade und der Vergleich kommt doch nicht hin. Weiß noch nicht so recht, was ich davon halten soll. Eine musikalische Limitiertheit ist auf jeden Fall auszumachen, andererseits sind die Arrangements teilweise doch ganz clever und irgendwie hypnotisch.

Donny

Postings: 262

Registriert seit 13.06.2013

2013-09-12 17:51:03 Uhr
Die Platte ist äußerst gelungen, nahezu grandios.

Sein Name steht ihm diesbezüglich wohl eher im Wege.

Kevin

Postings: 711

Registriert seit 14.05.2013

2013-09-12 17:07:39 Uhr
Versiffte Bar mit düster-kaputtem Katergefühl ist für mich Tom Waits.
Tokotoni
2013-09-12 10:55:29 Uhr
Wahnsinnswerk, besser als alles was Radiohead und Godspeed you black emperor je veröffentlicht haben. 10/10
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