Abwärts - Europa Safe

Abwärts- Europa Safe

Cargo
VÖ: 07.10.2011

Unsere Bewertung: 4/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Wo war Lieblingsspieler?

Manchmal geht nichts über ein überschaubares Weltbild. Zum Beispiel auf den Abwärts-Platten Anfang der achtziger Jahre, wo es unter anderem hieß: "Der Süden ist heiß und von Seuchen zersetzt / Der Norden ist feucht, von den Russen besetzt / Der Westen ist einsam, nur von Batman bewohnt / Der Westen ist einsam, der Osten ist tot." Womit die Lage in Zeiten des Kalten Krieges zwar arg verknappt, aber recht zutreffend beschrieben und der inhaltliche Grundstein für den desillusioniert rohen, maschinellen Beton-Punk der Hamburger gelegt war. Seitdem haben Frank Z. und seine wechselnden Mitstreiter die verschiedensten Aggregatzustände von pessimistischen New-Wave-Wurmfortsätzen bis hin zu westkurvenfähigem Gröl-Core durchlaufen, lösten sich mehrmals auf und rauften sich wieder zusammen.

Zuletzt 2004 - ausgerechnet auf Geheiß von Rodrigo González alias Rod von den Ärzten, der auch gleich in die Band einstieg. Und dann karrte irgendjemand für "Europa Safe" mit Jon Caffery noch den langjährigen Produzenten der Toten Hosen ins Studio. Woher der Hase diesmal läuft, dürfte also klar sein. Man hole den Ultra-Schal aus dem Schrank, recke wahlweise Faust oder ausgestreckten Mittelfinger in die Höhe und tue kund: Punkrock! Denn das dritte Abwärts-Studioalbum in aktueller Inkarnation hat alles, was man dafür braucht: Protest gegen die politische Großwetterlage, höhnende Parodie bedenklicher Gesellschaftstendenzen, hetzende Rockmusik mit simplen, aber effektiven Riffs und sogar ein Klo auf dem Cover, in dem man alles herunterspülen kann, das man, nun ja, scheiße findet.

Etwa so: "Die Grenzen sichern von Europa / Voller Angst und voller Geld / Vor der dritten und der vierten Welt." Euro-Krise und Flüchtlingsproblematik passen also doch auf einen Bierdeckel. Oder: "Und zwischendurch girl boy Frau Mann / Bringt der Fuck Chat etwas Fun / Du hast tausend Freundanfragen / Willst Du ihnen nicht etwas sagen?" Wem das gefällt, der findet weiter unten bei den Surftipps was zum Draufklicken. Und natürlich: "Der Blick entschlossen, es geht um viel / Heute ist das Schicksalsspiel / Oh, ich habe heut' ein Scheißgefühl." Wieder so ein Tag, an dem auch der Lieblingsspieler keinen Möbelwagen trifft. Gut, wenn man in dem Fall einen mürrisch-kernigen Rocksong mit zwirbelnder Leadgitarre im Ohr hat, wie er "Europa Safe" eröffnet. Leider ist darüber hinaus aber nicht nur textlich, sondern auch musikalisch wenig mehr geboten.

Zwar sind Abwärts clever genug, diese meist trübe Punk-Brühe versuchsweise aufzulockern. Mit ansatzweise orientalischem Gezwirbel im Titelsong, einer bizarren Kombination aus Gary-Glitter-Beat und Snap!-Sample bei der Neuauflage des Klassikers "Grab Dich selber ein", der Coverversion "Sonic reducer" von den Dead Boys und einer zehnsekündigen Andeutung von Edwin Starrs "War" nach jedem der insgesamt drei Stücke übers runde Leder. Doch auf Albumlänge reicht das ebensowenig aus, wie den stumpfsten Songs das immergleiche Synthie-Gezwitscher zur Seite zu stellen. Wenigstens das launige Uptempo-Gespött "Traumhochzeit" über alle heiratswütigen Monarchien inklusive dubioses Balkonfoto auf der Bandwebsite sorgt gegen Ende noch für ein wenig derben Spaß - der Rest ist lautes Schweigen. Heute wird gewonnen, bitte? Ihr könnt nach Hause fahrn.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • Ich habe heute ein Scheißgefühl
  • Traumhochzeit

Tracklist

  1. Ich habe heute ein Scheißgefühl
  2. WAR
  3. Das Böse
  4. Europa Safe
  5. Facebook
  6. Ihr werdet ewig Zweiter sein
  7. WAR
  8. Grab Dich selber ein (Version 2.0)
  9. Spül es doch
  10. Traumhochzeit
  11. Sonic reducer
  12. Das kann nur die Viererkette
  13. WAR

Gesamtspielzeit: 39:04 min.

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