My Brightest Diamond - All things will unwind

My Brightest Diamond- All things will unwind

Asthmatic Kitty / Soulfood
VÖ: 14.10.2011

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Der ganze Batzen

So wirklich leicht hat es Shara Worden alias My Brightest Diamond leider noch nie gehabt mit der wohlverdienten Aufmerksamkeit. Jeder Feenwitz ist bereits zu Kate Bush abgestaubt, gerissen und anschließend wieder eingetütet worden. Als größte Waldschrätin unter der Sonne geht sie auch nicht durch, seit Katie Jane Garside Queen Adreena verlassen hat und seither vermutlich wieder - wie einst nach dem Ende von Daisy Chainsaw - grundverwirrt durch Englands Haine streift. Ob das noch Theaterschminke oder bereits Leichenblässe ist, dazu befragt man seit 2009 auch eher Soap & Skins Anja Plaschg. Und verschrobenen Folk gibt es überhaupt genug - egal ob südlich oder nördlich des Yin, Yang und Tschingderassabum. Alle Etiketten sind also bereits vergeben, weshalb sich Worden mit ihrem dritten Album "All things will unwind" titelgemäß locker machen könnte - es allerdings glücklicherweise nicht tut.

Stattdessen schickt sie ihre symphonische Weltmusik-Folklore mit Songs wie "We added it up" und "In the beginning" erneut auf das Drahtseil zwischen exzentrischer Spannung und wunderbarer Harmonieseeligkeit. Begleitet wird sie auf Albumlänge vom ymusic-Sextett, das von Antony & The Johnsons bis Björk schon überall herumgereicht wurde, wo Klassik und Cabaret für ein wenig Trubel sorgen sollten. Um nicht der Gefahr zu erliegen, selbst zusätzlich alles zu spielen, was nicht bei Drei auf den Bäumen ist, hat Worden sich selbst die Regel auferlegt, nur Instrumente zu bedienen, die in einen Koffer passen - den restlichen, erneut riesigen instrumentalen Batzen übernehmen die weiteren Gäste. Doch wo etwa Joanna Newsom, derart gegängelt, einfach zu einem Schrank "Hallo Koffer" sagen würde, dort schrieb Worden "All things will unwind" dem Ensemble auf den Leib, nutzt es also nicht nur zur Veredelung ihrer Songs.

Das ist überall hörbar und passt sich vor allem den exaltierten Anteilen von My Brightest Diamond kongenial an. So erfährt insbesondere Wordens Stimme wegen der instrumentalen Selbstbeschränkung und der komplexeren Arrangements besondere Konzentration. Auch die Lyrics schlagen - etwa bei den rhythmisch heruntergekochten Banjotakten von "There's a rat" - spielerische Bilderbücher auf, selbst für so etwas fundamentales und deshalb künstlerisch ermüdendes wie die Finanzkrise. Und "High low middle" präsentiert seinen Zirkus-Takt auch eher beschwipst und ohne das erwartbare Rumgepolka. Mit all dem erreicht My Brightest Diamond genau das, was ansonsten nur zu gerne in folkloristische Ostalgie ausartet: Die verschiedenen musikalischen Hemisphären sind von vornherein gebunden, da sie alle darauf Rücksicht nehmen, was ins Kammer-Prinzip passt.

Auch bei "Escape routes" schnabulieren Flöten und Streicher zu einem zögerlichen Takt, bis Worden für Sekunden den Gesang anzieht, um ihn kurz darauf doch wieder ins Arrangement fallen zu lassen. "Everything is in line" verschafft einerseits seiner Mbira genügend Raum, weiß ansonsten aber auch, wie der ganze große Rest ins Korsett passt. Das abschließende "I have never loved someone" jammert hingegen ausschließlich mit einem Koffer(was sonst?)-Harmonium um die Wette - und schält daraus eine der, dann sagen wir es halt, betörendsten Balladen seit Siouxsie & The Banshees' "The last beat of my heart". So wird es ungewohnt besinnlich und transparent zum Schluss. Doch nicht nur hier gilt: Was Worden nicht schultern kann, ist bloß das Etikett aller anderen.

(Tobias Hinrichs)

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Highlights

  • We added it up
  • In the beginning
  • Everything is in line
  • I have never loved someone

Tracklist

  1. We added it up
  2. Reaching through to the other side
  3. In the beginning
  4. Escape routes
  5. Be brave
  6. She does not brave the war
  7. Ding dang
  8. There's a rat
  9. High low middle
  10. Everything is in line
  11. I have never loved someone

Gesamtspielzeit: 42:14 min.

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