Nine Inch Nails - And all that could have been (live)

Nine Inch Nails- And all that could have been (live)

Nothing / Interscope / Motor / Universal
VÖ: 11.02.2002

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Sex, Lügen und Wirbelsturm

Die Wucht ist tödlich. Nicht so tödlich wie ein Geschoß aus einer .45er Magnum, eher wie eine Betonwand auf der linken Spur der Autobahn. Die geradezu physische Gewalt, mit der einem ein Konzert von Trent Reznors Nine Inch Nails ins Gesicht springt, drückt den Verstand beiseite und lockt die niederen Gefühle hervor: Panik, Zorn, Depression. Und natürlich eine seltsame Euphorie-Variante, die sich des Körpers bemächtigt, wenn er von Lärm und Schweiß langsam zu Boden gepreßt wird.

Währenddessen tobt Reznor zwischen den Exekutivorganen seiner genialischen Arrangements hin und her. Erst brüllt, schreit und spuckt er, dann kehrt er sein Innerstes nach außen, nur um kurz darauf wieder lobotomisch darauf herumzuspringen. Die Verbindung von Zärtlichkeit und Dampframme, von Zerbrechlichkeit und Eisbrecher, welche auf den regulären Alben Reznors schon für Mischungen aus Angstzustand und Faszination sorgte, gewinnt auch auf der Bühne Gestalt, wenn auch eine ungleich körperlichere.

Viele der winzigen Nuancen und Details, an denen Reznor im Studio oft monatelang herumtüftelt, weichen auf der Bühne Transpiration und Muskelkraft. Wenn er "March of the pigs" herunterprügelt oder sich auf ein nervös zuckendes "Wish" einläßt, zittern auch die Membranen im heimischen Wohnzimmer ehrfurchtsvoll. Unnachgiebige Sequencer ("Terrible lie") und rasiermesserscharfe Gitarren ("Sin") sezieren Reznors Unterbewußtsein. Unter dem erbarmungslosen Beben der Drums dreht man den Lautstärkeregler bis zum Anschlag nach rechts. Dies ist keine Musik für Leisetreter.

Doch auch die zerbrechliche Seite des Gesamtkunstwerks Reznor ist weit davon entfernt, zum Kandidaten für die nächste Kuschelrock zu werden. Ein verzweifeltes "The great below", ein zündelndes "Piggy" und die groteske Verführung "Closer" quellen über vor dunkler Leidenschaft. Reznor durchlebt jedes einzelne Gefühl noch intensiver als auf Platte. Die famos eingespielte Band legt tänzelnde Grooves hin und wartet auf die nächste paranoide Attacke. "The day the world went away" trommelt wie ein pervertiertes Mantra die Apokalypse herbei. Und nachdem das neurotische Klavier von "Hurt" den letzten chromgestählten Eisklotz zum Schmelzen gebracht hat, haucht der finale Klang in musikgewordener Schizophrenie sein Leben aus. Ruhe unsanft.

(Oliver Ding)

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Highlights

  • Sin
  • March of the pigs
  • Head like a hole
  • The day the world went away

Tracklist

  1. Terrible lie
  2. Sin
  3. March of the pigs
  4. Piggy
  5. The frail
  6. The wretched
  7. Gave up
  8. The great below
  9. The mark has been made
  10. Wish
  11. Suck
  12. Closer
  13. Head like a hole
  14. The day the world went away
  15. Starfuckers, Inc.
  16. Hurt

Gesamtspielzeit: 73:59 min.

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