Justice - Audio, video, disco.

Justice- Audio, video, disco.

Ed Banger / Warner
VÖ: 28.10.2011

Unsere Bewertung: 5/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Take me to the prog-floor

Justice bedienten sich auf ihrem Debut eines irrwitzigen Tricks: Sie kreierten ein Symbol. Xavier de Rosnay und Gaspard Augé nahmen gezielt Anleihen an den übergroßen Daft Punk und machten daraus, was Franzosen am besten können - sie wurden schmutzig. Die Masse dankte es mit Ikonographie und erhobenen Fäusten, strömte auf die Tanzflächen und nahm an Konzerten teil, als wären sie Liturgie. Dabei entwickelte das Duo eine Art Trademark-Groove, der mit maximaler Kompression und hymnischer Verzerrung eine neue Brutalität in den elektronisch gesättigten Club drückte. Auf einmal hatte es mal wieder jemand geschafft, verschiedene Genres so zu vereinen, dass sich verschiedenste Hörer liebend in den Armen lagen und sich schales Bier auf die pastellfarbenen T-Shirts von American Apparel ergoss.

Mit "Audio, video, disco." ergeht es einem wenig anders. Justice sind nun bekannt, müssen wie jeder andere auch nachlegen, dabei immer noch irgendwie sich selbst treu bleiben, trotzdem neu und besser sein, weil der Überraschungsmoment verloren ist. Um den allgemeinen Schwierigkeiten des zweiten Albums entgegenzutreten, werfen sie sich hier ein formidabel neues konzeptuelles Gewand über. Prog-Rock und dessen weitläufige Schlieren streuen sich über die gesamten 46 Minuten französischer Dekadenz. Doch schon in der Theorie klingt das eigentlich grausam. In irgendeinem Interview soll das Duo behauptet haben, "Audio, video, disco." sei ein progressives Rock-Album, eingespielt von Typen, die keine Instrumente beherrschen. Leider schließt sich beides schon per Definition als Gegensatz aus.

Auch wenn die Tanzfläche jetzt nicht mehr das vermeintlich erste Ziel ist, geht der neue gehobene Anspruch im Kurz-Zitat Gewitter mit einem langsameren Tempo unter."Horsepower" und "Civilisation" eröffnen im 2.0 Angedenken an Jacksons "Thriller", bevor dann nach der ein oder anderen AC/DC-, bzw. Pink-Floyd-Kapriole der Justice-typische Groove aus verzerrtem Analog-Synthie einbricht und jeden dazu auffordert, die altbekannten Köpfe zu Ed Bangen. "Canon" samt Intro erinnert nahezu an Dream Theater, was ohnehin schon übel wäre, hätte man nicht zu all dem an mittelalterlicher Melodieführung Gefallen gefunden. Was Justice vorher aus dem Metal oder Punk zogen, wird heute hauptsächlich Ende der Siebziger gesucht. Zumindest soll das Hauptzitat, die Konzepthaftigkeit des neuen Albums, an diese Periode der Musikgeschichte anknüpfen.

Weil Justice eine Pastiche-Band sind, also hinter der klaren Referenz auch Bezüge aus allem Möglichen einfließen lassen, gelingt gerade in Momenten, die nicht dem Prog geschuldet sind, Besseres. Besonders das in "Helix" verwendete retortige Funk-Riff, welches bei Quincy Jones zwar nur herzhaftes Gelächter ausgelöst hätte, ist gelungen. Dennoch wird schnell klar, dass der Dancefloor eigentlich häufiger hätte berücksichtigt werden sollen. Dabei stehen Chorsätze wie bei "Ohio", die Portland oder die Sixties zitieren, Justice an einigen Stellen gut zu Gesicht, sind kaum fehl am Platze, flankieren schön und wirken tragend. Das Grundproblem an "Audio, video, disco." aber ist, dass Justice einer oberflächlichen Idee folgen. Progressive Rock zielt im Grunde auf Gniedelei und Muckertum, das weit ausufernde Können. Justice hingegen bedienen sich nur einer Atmosphäre und negieren dabei jegliche Komplexität. Pressen das große Format in kurze Dance-Nummern, indem winzige Passagen als Loop wiederholt werden und von vorhersehbaren Brüchen und Einsätzen als besondere Augenblicke evoziert werden sollen. Man kann versuchen, dazu zu tanzen.

(Carolin Weidner)

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Highlights

  • Ohio
  • Helix

Tracklist

  1. Horsepower
  2. Civilization
  3. Ohio
  4. Canon (Primo)
  5. Canon
  6. On'n'on
  7. Brianvision
  8. Parade
  9. New lands
  10. Helix
  11. Audio, video, disco.

Gesamtspielzeit: 46:20 min.

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