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Systemhysterie - Wir fordern die Macht

Systemhysterie- Wir fordern die Macht

Clubkraft / Universal
VÖ: 18.02.2002

Unsere Bewertung: 4/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Führungskrise

"Wir fordern die Macht" ist nicht nur auf den ersten, sondern auch auf den zweiten und dritten Blick eine reichlich dreiste Forderung für eine Band, die mit ihrem Erstling "Mit deinem Gefühl für mich" eine Platte verbrochen hat, die nicht nur zum Weinen anregen sollte, sondern dies - wenn auch in anderer als der beabsichtigten Form - tat. Das Rütteln am Kanzleramt überlassen die Herren Hespen & Co. dann zum Glück doch lieber anderen Hannoveranern und widmen sich ganz ihrer Passion, dem fröhlichen Philosophieren auf Grundlage pop-rockiger Gitarrenklänge.

Im direkten Vergleich zum Vorgänger muß man immerhin den Willen zur Veränderung anerkennen. Systemhysterie kehren den Weg Blumfelds um und wandern aus der Ecke der gefühlsbetonten Denker in die Arena der Möchtegernrevolutionäre, wo der Feind mit Schwarz-Weiß-Denken ausgemacht wird und markige Worte mehr zählen als kernige Gedanken. Das titelgebende "Wir fordern die Macht" nimmt dann auch direkt das sogennannte Musikestablishment aufs Korn und läßt den Verdacht entstehen, daß nach der Machtübernahme die ersten Regierungshandlungen darin bestehen würde, Kritiker auszuweisen und Abzählreime zur Pflichtlektüre in der Oberstufe zu erklären. Ganz aufgeben will man den Ruf als Herzensbrecher unter den Möchtgernpoeten aber doch nicht. So finden sich neben rockigen bis gar punkigen Stücken ("Mehr Gold hab ich nicht") auch so erlesene Schmonzetten wie "Zwanzigtausend Meilen unter Null", das man von Soulbruder Xavier Naidoo schon einmal so oder so ähnlich gehört zu haben glaubt.

So verläßt das Album den schmalen Grad der Erträglichkeit immer in genau in jener Sekunde, wo Sänger Tim Hespen sich dazu durchringt, einen Teil seiner Gefühlsperipherie offenzulegen und den Hörer mitnimmt auf eine Reise durch seine innersten Leiden, gekleidet in die Prosa eines Fünftkläßlers. "Der Lenker bebt, die Angst rast mit / Die Tränen laufen in mein Haar / Wenn ich da unten sterben muß / Erzählst du allen, wie ich war" klingt dramatisch und ist doch nur Herr Hespens Schilderung einer Fahrradfahrt zu seiner Angebeten. Solche und ähnliche Platitüden mögen als Spontan-Zitat für den intimen Liebesbrief ja noch ganz passend erscheinen - auf Platte gepreßt wirkt das Ganze wie Zwangsexhibitionismus. Selbst die Bravo als Hauspostille der erlesensten Dichtern und Denkern läßt verlauten: "Systemhysterie aus Hannover spielen Brachialrock mit schwachsinnigem Text". Fragt sich nur, auf welchem Album sie den Brachialrock gefunden haben.

(Thorsten Thiel)

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Highlights

  • The problem of making protestsongs

Tracklist

  1. Wir fordern die Macht
  2. Zwanzigtausend Meilen unter Null
  3. Mehr Gold hab ich nicht
  4. Wir halten eigentlich nicht viel von dieser Welt
  5. The problem of making protestsongs
  6. Augen zu zurück
  7. Die Engel am Meer
  8. Ein Augenblick fängt an
  9. Tomorrow never knows

Gesamtspielzeit: 45:10 min.

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