Flashguns - Passions of a different kind

Flashguns- Passions of a different kind

Humming / Rough Trade
VÖ: 14.10.2011

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Vor lauter Bäumen

Manchmal verschwinden Dinge aus dem kollektiven Bewusstsein, obwohl es sie noch gibt. Man nehme etwa den seinerzeit hauptsächlich im deutschen Sprachraum verbreiteten Begriff des Waldsterbens, der einem beim Cover des Debütalbums von Flashguns aus London einfallen könnte: Zwar gibt es nach wie vor mindestens genauso viele kranke Bäume wie in den achtziger Jahren, aus irgendeinem Grund ist diese Tatsache aber aus der öffentlichen Wahrnehmung gefallen. Gleiches gilt für den Britpop der Neunziger, der - anders als heutzutage in Windeseile rezipierte und oft flugs wieder entsorgte Post-Punk-Rekapitulationen - den langwierigen Prozess häppchenweiser Kleinstveröffentlichungen durchlaufen musste. Aber auch eine Art Glamour und Eleganz besaß, die den Leiden eines trostlosen Alltags mit elegantem Hedonismus und großer musikalischer Geste begegnete. Suede beherrschten so etwas und waren damit nicht allein - inzwischen halten allenfalls noch Maximo Park oder Franz Ferdinand und Überlebende wie Morrissey diese schöne Tradition hoch. Um Nachwuchs wird also gebeten.

Flashguns bringen gute Voraussetzungen mit: ab 2007 mühsame Ochsentouren durchs Königreich, erste Singles auf kleinem Label und federnder, sublimer Gitarren-Pop, in dessen Kielwasser die gleiche Zeitlosigkeit mitschwimmt wie einst bei der "Cool Britannia"-Welle. Doch das Trio um Sänger und Songschreiber Sam Johnston weiß, dass man eingangs erst einmal ein Fass aufmachen muss, um sich Gehör zu verschaffen. Der Opener "Sounds of the forrest" ignoriert tapfer eine gewisse Rechtschreibschwäche im Titel und fackelt gleich ein bassiges Feuerwerk aus vorlaut brutzelnden Gitarren und nach vorne gehendem Tempo ab, mitproduziert von den an Kasabian respektive Foals erprobten Barny Barnicott und Luke Smith. Also doch so etwas wie Post Punk? Mitnichten, denn das Titelstück und "No point hanging around" weisen als Vorabsingles entschieden in eine andere Richtung - dorthin, wo luftige Gitarren, mühelos von hinten reingereichte Melodiewendungen sowie das richtige Verhältnis von Entgeisterung und Melancholie in Johnstons Stimme es gar nicht nötig haben, auf irgendeine Weise aufdringlich zu werden.

Passend dazu erinnern sich die Grooves an britischen Rave-Rock, fliegen die Streicher in ruhigeren Momenten wie "The beginning" auf einem Luftkissen ein und pendelt der Gesang zwischen Verzagen und Aufbruchsstimmung. Es locken neuentdeckte Leidenschaften statt monotones Slackertum und verheißungsvoll blinkende Leuchtreklamen statt gute Kinderstube, wenn der verführerische Breitwand-Pop von "Candles out" oder "Come and see the lights" erst einmal genauso jubilierend wie geschmackvoll die Oberhand gewinnt. Dass Barnicott und Smith gelegentlich zu gelinder Überproduktion neigen, fällt bei den ansonsten großartig ausbalancierten und außerdem höchst treffsicheren Songs kaum ins Gewicht. Mit "Racing race" schmuggeln Flashguns dann noch einen Track von der 2010er EP "Matching hearts, similar parts" auf "Passions of a different kind" - ein halbakustischer, nur kurzzeitig noch einmal hochfahrender Abschluss eines Albums, das man im Ohr haben sollte, wenn man mal wieder den kranken Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht. Doch Zustand hin oder her: Dort wachsen auch herrliche Gitarren.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • Passions of a different kind
  • Tired of hanging around
  • Come and see the lights
  • Racing race

Tracklist

  1. Sounds of the forrest
  2. Passions of a different kind
  3. No point hanging around
  4. The beginning
  5. Candles out
  6. Good breeding
  7. Heat & fire
  8. Come and see the lights
  9. Noah
  10. Racing race

Gesamtspielzeit: 43:42 min.

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