Anna Ternheim - The night visitor

Anna Ternheim- The night visitor

Stockholm / Universal
VÖ: 28.10.2011

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Durch das Dunkel

Es ist doch immer wieder dasselbe Spiel. Aufreibende Aufnahmen zum neuen Album, Interviews und Marketingmaschine, danach die lange, lange Tour mit vielen einsamen Abenden in schäbigen Hotelzimmern. Und anschließend, wenn alles vorbei ist, diese Leere, diese Orientierungslosigkeit und Ideenarmut. Wie oft haben wir diese Geschichte schon gehört? Viel zu oft. Dennoch scheint sie immer und immer wieder zu passieren. Diesmal also Anna Ternheim, die an ihrem tiefsten Tiefpunkt ihre Liebe zum erst kürzlich verstorbenen schottischen Folksänger Bert Jansch entdeckte. Angefixt durch Jansch streifte Ternheim durch Brooklyn, immer auf der Suche nach neuen Eindrücken, Geschichten und Gefühlen. Es war vielleicht ein langer, steiniger Weg zu diesem vierten Studioalbum, aber mit "The night visitor" ist die Schwedin endlich wieder dort, wo sie am besten ist.

Denn "The night visitor" fühlt sich an wie das leise Rauschen einer klaren Herbstnacht irgendwo auf dem Land in der Nähe des Wassers, schmeckt nach schwerem Rotwein und riecht nach diesem wohligen Duft abgebrannter Kerzendochte in dunklen Räumen mit knisterndem Kamin. Den Blick nach draußen durch die großen Scheiben gerichtet erzählt Ternheim auf ihrem fünften Studioalbum von der Einsamkeit, vom Fallen und Wiederaufstehen, vom Ende und vom Neubeginn. Ganz alleine muss sie die zwölf Songs allerdings nicht meistern. Immer mit dabei als musikalischer Partner an der Gitarre und Produzent ist Matt Sweeney, der mit seinem ausgeprägten Gefühl für Stimmungen diesem Album seinen ganz eigenen, zwar düsteren, dennoch hoffnungsvollen Stempel aufdrückt, ohne dabei Ternheim aus den Augen zu verlieren. Doch Sweeney ist nicht der einzige Kumpel, auf den die Schwedin sich hier verlassen kann.

So ist nicht verwunderlich, dass "Solitary move" und "Bow your head" sehr nach "The letting go" von Bonnie "Prince" Billy klingen, denn der Meister Will Oldham hat auf "The night visitor" seine Finger ebenso mit im Spiel. Zwar dezent und zurückhaltend, wie es den fragilen Songs gebührt. Aber eben doch merklich, zumeist als zweite, leise Stimme irgendwo in der Weite des Hintergrundes. Nur ausgerechnet das einzige richtige Duett "The longer the waiting (the sweeter the kiss)", bestreitet Ternheim nicht Billy oder Oldham oder wie auch immer der Mann sich grad nennen mag. Stattdessen lässt sie sich hier von Dave Ferguson begleiten, dem Toningenieur und Besitzer des Studios, in dem die Aufnahmen über die Bühne gingen. Das wunderbare Zusammenspiel der beiden kommt nah an die großen Momente der Platten von Isobel Campbell und Mark Lanegan heran, wenn auch ohne Lanegans legendäre Diabolik.

Nach dem etwas enttäuschenden letzten Album "Leaving on a mayday" hat Ternheim also endlich wieder nach Hause gefunden und sich gleich ein paar Freunde zu einer zünftigen Fingerpicking-Party zum Folk-Jam eingeladen. Sweeney hat es geschafft, die melancholisch-hoffnungsvollen Songs, die selten aus mehr als Gitarre, leichter Perkussion, hier und dort einer Quetschkommode oder Streichern sowie diesen wunderbar zusammenspielenden Stimmen bestehen, mit einem warmen Zauber zu ummanteln, der die Schönheit von Ternheims Texten sanft aber nachdrücklich unterstreicht. So ergreifend war die Schwedin seit "Somebody outside" nicht mehr. Und was lernen wir aus dieser Geschichte rund um "The night visitor"? Wenn es einem richtig dreckig geht, wenn man sich fühlt, als sei man ganz unten angekommen, dann sind es immer noch die Freunde, die zählen. Einfache Erkenntnisse sind meistens zwar platt. Aber eben auch richtig.

(Kai Wehmeier)

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Highlights

  • Ghost of a man
  • What remains
  • Bow your head
  • Walking aimlessly

Tracklist

  1. Solitary move
  2. The longer the waiting (the sweeter the kiss)
  3. Lorelie-Marie
  4. Ghost of a man
  5. What remains
  6. Bow your head
  7. Walking aimlessly
  8. God don't know
  9. Black light shines
  10. All shadows
  11. Come to bed
  12. Dearest dear

Gesamtspielzeit: 45:55 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Konsum
2011-11-28 23:54:33 Uhr
Anna Ternheim sorgt für eine der großen Überraschungen dieses Jahr. Statt der zu erwartenden Weiterentwicklung in Richtung seichtem Radiopop besinnt sie sich auf alte (akustische) Stärken. Die Country-einflüsse haben mich bei ihr zu Anfang auch irritiert, denke aber, dass es nicht zu weit geht.

Wunderschönes Album.
Hartwig
2011-11-16 23:49:21 Uhr
@Leatherface:

Was genau enthält die Bonus Disc?
nachfrage
2011-11-14 18:52:57 Uhr
zappa? was hörst du heut so?
Leatherface
2011-11-14 18:33:58 Uhr
Die Bonus Disc ist zauberhaft.
musie
2011-11-14 08:59:39 Uhr
ich bin unentschlossen. anna ternheim brauch ich nicht im country-umfeld. ich mag das melancholische skandinavientypische. der einstieg ist sehr schön, aber bei 2 und 3 hab ich probleme. bow your head dafür wieder sehr schön. und hintenraus hats auch wieder ein paar perlen. walking aimlessly würd ich ohne diesen fröschechor zehnmal besser finden.
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