Jane's Addiction - The great escape artist

Jane's Addiction- The great escape artist

Capitol / EMI
VÖ: 14.10.2011

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Achtung Oldie

Die Ungnade der zu frühen Geburt führt dazu, dass manch bedeutender Künstler nicht die angemessene Wertschätzung erhält. Das passiert, wenn irgendjemand anders eine bereits erprobte Idee aufgreift und damit unerwarteten Erfolg hat. Dumm ist nur, wenn eine inspirierende Band wenig vom Durchbruch ihrer Ästhetik hat, weil sie sich auflöst, als sie gerade die Chance hatte, hip zu werden. So geschah das zu Beginn der Neunziger gleich mehrfach. Die Pixies zum Beispiel fuhren die verdiente Kohle erst Jahre später mit einer umjubelten Reunion-Tour ein. Sie machten dabei allerdings nicht den Fehler, ihr Frühwerk mit einer halbgaren Comeback-Platte zu besudeln. Diese Chance vergaben Jane's Addiction mit dem schnarchigen "Strays" 2003 eher kläglich. Und lösten sich im Jahr drauf gleich wieder auf.

Dennoch erhielten sie 2008 den Godlike Genius Award des amerikanischen NME. Was Jane's Addiction denn auch mal wieder zum Anlass nahmen, sich wieder zusammenzuraufen. Dieses Mal hätte es beinahe sogar die komplette klassische Besetzung lange genug miteinander ausgehalten, um sich von Edelfan Trent Reznor zu einem ganzen Album anfeuern zu lassen. Der zwischenzeitlich zurückgekehrte Eric Avery legte jedoch seinen Bass wieder hin, bevor die Band ins Studio ging, und auch der als Ersatz geholte Ex-Guns-'N-Roses-Mann Duff McKagan stieg nach neun Monaten, in denen die Band mit "The great escape artist" schwanger ging, wieder aus. Bei den Aufnahmen teilten sich Dave Navarro und Dave Sitek (TV On The Radio) die dicken Saiten.

Wie 2003, als das vorweg geschickte "Just because" einige Erwartungen weckte, machte mit "End to the lies" wieder eine beeindruckende Vorabsingle den Mund wässrig. Perry Farrells Vorzeigekieksen gleitet an schwebenden Sirenenklängen vorbei durch den Hall, während Navarros Gitarre promiskuitiven Sex mit einer Familie von Effektgeräten hat. Noch besser ist die zweite Single "Irresistable force (Met the unmovable object)": Wenn ihr kristallklarer Refrain die polyrhythmische Verklärung wegbläst, gerät alles in den Fluss. Zwar sägen die Gitarren noch kräftig Löcher in das vielschichtige Arrangement, aber die Riffs fließen ineinander und werden von warmem Bass unterspült. Man hatte fast vergessen, zu welch grandiosen Songs Farrell, Navarro und Stephen Perkins mal fähig waren.

Zwar sind sind Jane's Addiction im Jahr 2011 längst keine ästhetischen Vorreiter mehr. Wenn Farrells quäkige Stimme von den Smashing Pumpkins und Filter abgekupfert wurde, recyclet seine Band jetzt eben deren Sound. Songs wie "I'll hit you back", dem Reverbwabern von "Curiosity kills" oder dem oszillierenden "Twisted tales" gelingen fachkundige Variationen von U2s "Achtung baby". "Underground" beschwört ein paar elektrische Schlangen, "Curiosity kills" schillert im Takt mit neonfarbener Psychedelik, und "Ultimate reason" flirtet mit einer Art gotischem Orient. Wenn schon die Songs von "The great escape artist" keine Überraschungen drauf haben, zeigen sie aber wenigstens ein paar neue Tugenden: Sie versuchen nicht mehr viel zu viel und scheitern daher auch nicht an den eigenen Ansprüchen. Da fallen die paar Unzulänglichkeiten kaum noch auf. Denn die machen Jane's Addiction mit souveräner Routine wett. Wenn dann "Broken people" mit erhabener Melancholie in Richtung Powerballade abhebt, blitzt dank McKagan sogar fast der abgeschabte Glamour von damals wieder auf: Er hat sich mit der gebotenen Normalität arrangiert. Geschmacklosigkeiten und allzu angestrengte Komplexität überlassen Jane's Addiction den jungen Wilden. Die Band atmet eben eine andere Luft als 1990.

(Oliver Ding)

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Highlights

  • End to the lies
  • Curiosity kills
  • Irresistable force (Met the unmovable object)

Tracklist

  1. Underground
  2. End to the lies
  3. Curiosity kills
  4. Irresistable force (Met the immovable object)
  5. I'll hit you back
  6. Twisted tales
  7. Ultimate reason
  8. Splash a little water on it
  9. Broken people
  10. Words right out of my mouth

Gesamtspielzeit: 39:54 min.

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