Florence & The Machine - Ceremonials

Florence & The Machine- Ceremonials

Island / Universal
VÖ: 28.10.2011

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Wucht im Bauch

Wer jemals versucht hat, mit sieben Leuten in einem Smart zu fahren oder sich mit dem ganzen Körpergewicht auf einen Koffer zu pressen, damit der eigentlich zwei Koffer füllende Inhalt doch noch hinter der Verschlussklappe verschwindet, bekommt eine Vorstellung der Wirkung des ersten Hördurchgangs von "Ceremonials". Es ist anstrengend. Genauer gesagt, ist es in diesem Fall ein dichtes Soundwerk, das bereits nach Sekunden zum Großangriff ansetzt. Die Künstlerin hat es in einer Melange aus Wahn, Berechnung und Gewohnheitheit nicht anders gewollt. Florence Welch will mehr. Von allem. Mehr Emotionen, mehr Drama, mehr Glanz. Sie handelt nach eigenen Angaben in dem Bestreben, den Hörer zunächst überwältigen zu wollen. Zweifelsohne gelingt ihr das. Zunächst verharrt man regungslos auf dem Boden, tanzt dann wieder im Kreis und trägt im nächsten Moment sorgfältig Schicht für Schicht ab, um dann doch die Schönheit als Ganzes zu erkennen.

Florence & The Machine ist keine Saisonware. Das wurde spätestens offensichtlich, als Welch "Lungs" live präsentierte. Kraftvoll und energetisch auf der Bühne oder spartanisch arrangiert in Akustikversionen. Letzteres war mitunter noch mitreißender als die Live-Erfahrung, findet leider aber keinen Platz auf "Ceremonials". Welchs Stimme, die einmal mehr fähig ist, gleichermaßen zu schwelgen und detonieren, umgibt sich hier mit majestätischen Arrangements in einer ausgestopften Version des Vorgängers. Aus dem Hintergrund trabt in "No light, no light" ein Schlagzeug an, die Orgel begleitet einen Chor, und Welch ist auch in den Backing Vocals zu hören. Später trumpfen die Drums wieder auf, klopfen Schellenkränze und geben Harfen den Weg frei für eingestielte E-Gitarren und ein Streicher-Ensemble. Es ist eng, es ist unübersichtlich, und es ist großartig.

Der epische Art-Pop findet hier ein neues Zuhause und will in "Shake it" auch gerne sakral wahrgenommen werden: "Regrets collect like old friends here to relive your darkest moments". Die Single entstand in gerade mal einer halben Stunde und liegt Welch besonders am Herzen, zumal sie Teil der Arbeit mit Paul Epworth (Maximo Park, Bloc Party, Adele, Kate Nash) ist. Gemeinsam haben sie dem Prozessor nicht die Nivellierungssense mit auf den Weg gegeben, sondern ein monströses, organisches Soundgewand geschaffen. Die Percussions dringen noch mehr nach vorne, das gesamte Instrumentarium rückt noch näher zusammen und treibt sich in ungeahnte Höhen und Weiten. So wird das düstere "What the water gave me" mit Hammondorgel und langem Outro angelegt. Inspiriert von einem Frida-Kahlo-Gemälde erzählt der Song von der Kraft des Wassers, dessen morbides Kraftspiel Welch besonders anregend fand. Führt man sich den Gedanken vor Augen, Wasser nähre sich von Ertrunkenen und fließe dann ruhiger oder weise eine starke Strömung auf, wenn es seinen Bluthunger noch nicht gestillt hat, hat das in der Tat gruselige Züge. Die Thematik des Wassers fließt im Übrigen auch in andere Ecken der Platte.

"Dramatische, überdimensionale und dabei irgendwie unheimlich klingende Musik" zieht Welch an. Sagt sie. "Seven devils" liefert sich sodann ein Duell heller und dunkler Pianotöne, während das Effektgerät um die besungenen sieben Teufel im Haus spukt: "I'll be dead before the day is done". Bei "Never let me go" entscheidet sich Welch für eine poppige Gospel-Chor-Variante mit dumpf geklopften Becken, die gerade im Refrain etwas ungelenk daherkommt. "All this and Heaven too" wühlt im Beat der Motown-Ära, und Sam Cookes Piano-Soul in "Lover to lover" zitiert für wenige Sekunden "I heard it through the grapevine". Das geschieht alles laut, exzessiv, mit Wucht im Bauch und Kate Bush, Adele und Enya im Rücken. "Ceremonials" ist der etwas schwächere, dicke Bruder von "Lungs" geworden, der das ganze Spielzeug für sich alleine beansprucht. Doch dringt man zu ihm durch, kann man ihm sicher behutsam beibringen, dass auch Teilen etwas mit Größe zu tun hat.

(Stephan Müller)

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Highlights

  • What the water gave me
  • No light, no light
  • Heartlines

Tracklist

  1. Only if for a night
  2. Shake it out
  3. What the water gave me
  4. Never let me go
  5. Breaking down
  6. Lover to lover
  7. No light, no light
  8. Seven devils
  9. Heartlines
  10. Spectrum
  11. All this and Heaven too
  12. Leave my body

Gesamtspielzeit: 55:57 min.

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