Coldplay - Mylo xyloto

Coldplay- Mylo xyloto

Parlophone / EMI
VÖ: 21.10.2011

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Mensch lass nach

Coldplay taumeln lautstark Richtung Bedeutungslosigkeit. Der Titel des fünften Studioalbums der Band ist aus zwei Fantasiewörtern zusammengefügt und "fühlt sich frisch an", sagt Chris Martin. Über die Musik, die hinter diesem Titel steht, kann man das nur schwerlich sagen. Die elf Songs (subtrahiert man die drei instrumentalen Interludes) sind dicht produziert, mit großen Chören, Hall und synthetischen Klängen aufgeladen, was das musikalische Gewand der Band weit aufbläht - wie eine Blase, die jederzeit zu platzen droht. Doch ist "Mylo xyloto" gerade deswegen das zugänglichste Album der Band, weil es unbedingt gefallen will.

Nach der Veröffentlichung der beiden Vorabsingles "Every teardrop is a waterfall" und "Paradise" war die Vorfreude auf das neue Studiowerk von Coldplay mindestens gedämpft. Viel zu gefällig, viel zu eintönig und irgendwie egal fühlten sich die beiden Songs an, die eher vom starren synthetischen Soundrausch lebten, als von Spannungsbögen oder ansprechenden Melodien. Die "Viva la vida or death and all his friends"-Uniformen wurden durch farbenfrohe Straßenklamotten ersetzt und ein Video mit Google-Typografie gedreht. Nah am Menschen, gegenwartsbewusst. Zum Glück ist "Mylo xyloto" dann nicht ganz so einfältig geraten, wie man es zu befürchten hatte.

Da gibt es das herausragende "Charlie Brown", das zeigt, wie toll, magisch, besonders Coldplay klingen können. Eine kleine, flackernde Melodie kommt unschuldig daher, die Band klingt weich und warm, und schon geht die Nummer als hymnischer Popsong durch, der sich ohne Pathos und Schwellkörper schnell zum Highlight des Albums mausert. Und auch dem balladesken "Us against the world" steht die Entschlackungskur gut - ein akustischer Ruhepol im Sturme des effekthaschenden Allerleis. Es sind vor allem diese beiden Songs von "Mylo xyloto", die beweisen, dass Coldplay auch im fünfzehnten Jahr der Bandgeschichte noch berühren können.

Doch dann wird im kitschigen "U.F.O." endgültig all der Pomp und Schmonz ins Album gekübelt, den manche der Band schon immer etwas übel genommen hatten. Wie ein großes Missverständnis fühlt sich auch "Princess of China" an. Ein Song, der klingt, als hätte Chris Martin ein Feature auf einer Rhianna-Platte abgestaubt - und nicht umgekehrt. Kühle Synthesizer, elektronischer Beat, Atmosphäre wie in der Großraum-Disco. Und dass hier Rihanna eine bessere Figur abgibt als die gesamte Coldplay-Mannschaft, zeugt nicht von edler Zurückgenommenheit der Band, sondern von Lethargie.

Am Ende gibt das Album doch noch ein einigermaßen versöhnliches Gesamtbild ab. Das ist vor allem "Major minus", in dem Coldplay plötzlich wie The Verve klingen und die Stimme hinter lauten Gitarren versteckt wird, und der verspielten All-Wetter-Hymne "Up with the birds" zu verdanken. Doch bleibt ein fahler Nachgeschmack, ein seltsam entrücktes Bild einer gestrandeten Band, die ein aufgeblähtes, beinahe aufgedunsenes Album veröffentlicht hat. Das mag noch überdurchschnittlich sein und als Lebensbeweis dienen, aber auch als Zeugnis, dass Coldplay spätestens mit "Mylo xyloto" offensichtliche Verbrauchserscheinungen aufweisen. Wie beruhigend, denn es ist menschlich.

(Christian Preußer)

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Highlights

  • Charlie Brown
  • Us against the world
  • Major minus

Tracklist

  1. Mylo xyloto
  2. Hurts like Heaven
  3. Paradise
  4. Charlie Brown
  5. Us against the world
  6. M.M.I.X.
  7. Every teardrop is a waterfall
  8. Major minus
  9. U.F.O.
  10. Princess of China
  11. Up in flames
  12. A hopeful transmission
  13. Don't let it break your heart
  14. Up with the birds

Gesamtspielzeit: 44:07 min.

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User Beitrag
a
2015-10-17 21:22:59 Uhr
Synthopop sagt es ganz gut aus, "Every drop is a Waterfall" ist ja wohl genauso schlimm wie "A Sky..."...die "Ghost Stories" ist ja wieder stark reduzierter Sound wie in der Anfangszeit, nur nicht so stark. Aber es besteht Hoffnung..
Aber
2015-10-16 23:08:47 Uhr
Synthpop mit sehr viel Käse, das vielleicht.

Was ja dann auch wieder irgendwie auf die Definition Dummproll-RnB zutrifft. Da sind die Grenzen mittlerweile doch mehr als fließend.

Demon Cleaner

Postings: 5648

Registriert seit 15.05.2013

2015-10-16 22:27:50 Uhr
Ach ja: Bei "Ghost Stories" haben die Deppen den besten Track, nämlich den Titeltrack, tollerweise nur auf die Deluxe Edition getan. Der hätte eine hübsche Single abgegeben, die dem Album komplett abgegangen ist.

Demon Cleaner

Postings: 5648

Registriert seit 15.05.2013

2015-10-16 19:04:38 Uhr
Dummproll-RnB ist nun überhaupt nicht das, was ich "Princess Of China" attribuieren würde. Synthpop mit sehr viel Käse, das vielleicht.

Finde ihn aber auch deutlich besser als das Gewummse von "A Sky Full Of Stars".
Aber
2015-10-16 18:23:14 Uhr
Nö, ich sehe zwischen Dummproll-RnB und Dummdödel-Eurodance keine allzu großen Unterschiede.
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