Evanescence - Evanescence

Evanescence- Evanescence

Wind-Up / EMI
VÖ: 07.10.2011

Unsere Bewertung: 2/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Ein Untergang

Wir bei Plattentests.de mögen Lemmy. Wirklich. Und natürlich widerspricht man einem Veteranen des Rock'n'Roll-Lifestyle nicht leichtfertig, wenn er durch seinen Torbogenschnurrer mit Whiskey-Atem Weisheit unter die Rockgemeinde streut. Was Lemmy aber beim diesjährigen Wacken-Festival einem ZDF-Interviewer auf die Frage nach aktueller, von ihm geschätzter Rockmusik einigermaßen volltrunken entgegen brummelte, kann man nicht unkommentiert stehen lassen: "Skunk Anansie und Evanescence schreiben teilweise wirklich großartige Songs", fantasierte der Warzengott dort luzide daher. Nichts gegen die relativ würdevoll auferstandenen Skunk Anansie, aber mehr als die zwei okayen Singles des ersten Evanescence-Albums "Fallen" von 2003 hat Herr Kilmister offenbar nicht gehört. Und ganz sicher nicht ihr selbstbetiteltes Drittwerk, mit dem die Band nun nach gnädig stillen fünf Jahren Pause auf die Bühnen der Welt zurückkehrt.

Schon die Tatsache, dass niemand diese fünfjährige Abstinenz ernsthaft genutzt hat, um in die entstandene Marktlücke aus Nu Metal und vampirischem Operetten-Pop zu stoßen, hätte Sängerin Amy Lee und ihre Kollegen stutzig machen können. Und nun hat die Band ein Album aufgenommen, das in seiner homogenen Schauderhaftigkeit Maßstäbe setzt: Mit realitätsverleugnender Konsequenz schießt "Evanescence" eine Stunde und 16 Songs lang ein bräsiges Gemisch aus vergorenen Nu-Metal-Riffs und Gothrock-Pathos mit Räucherstäbchen-Aroma auf den Hörer ab, für das es schon vor geraumer Zeit sanfte Schläge auf den Hinterkopf gesetzt hätte. Selbst mit dem Mut der Verzweiflung lässt sich dieses Album nicht in wiedererkennbare Titel zerlegen. Stattdessen ergießt sich von Anfang an ein wucht-poppiger, von Nick Raskulinecz in völlige Gesichtslosigkeit produzierter Soundbrei über den Hörer, auf dessen Woge stets die leeren Diven-Gesten von Amy Lee schwimmen. Jedes Stück folgt der ewig gleichen Laut-leise-Dynamik, unablässig stürzen geradezu penetrant gebaute Spannungsbögen in sich zusammen, und die stoische Wiederholung drückt die aufgeblasenen musikalischen Nichtse gegen die Synapsen.

Es ist kein Zufall, wenn sich bei der eröffnenden Single "What you want" schon ab dem zweiten Refrain ein leichtes Unwohlsein beim Hörer einstellt. Die dreiste Faulheit, mit der die Band hier Ambitionen vortäuscht und in Wahrheit eine fade Selbstkopie nach der anderen herunterschrubbt, findet ihre Krönung in gleich drei Richtung Radio erbrochenen Balladen: "Lost in Paradise", "Swimming home" und "Secret door" sind waschechter Hochglanz-Horror und beleben die eigentlich friedlich ruhende Tradition des Mariah-Carey-Käseschmachters im Kontext von drömeligen Elektrobeats und fünftklassigem Besinnungskitsch mit Kajal neu. Hilflos hört man immer angestrengter in "Evanescence" hinein, sucht nach einer einzigen ordentlichen Idee, einem Zwischenton, nach irgendetwas, das der Platte doch noch einen Funken Bedeutung verleihen könnte - und hört doch nur das Rattern der Gelddruckmaschine, die dieses Album vermutlich werden wird. Vermutlich lässt sich diese Musik erst mit einer Flasche Whiskey intus ertragen. Fragen wir Lemmy. Der müsste es wissen.

(Dennis Drögemüller)

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Highlights

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Tracklist

  1. What you want
  2. Made of stone
  3. The change
  4. My heart is broken
  5. The other side
  6. Erase this
  7. Lost in Paradise
  8. Sick
  9. End of the dream
  10. Oceans
  11. Never go back
  12. Swimming home
  13. New way to bleed
  14. Say you will
  15. Disappear
  16. Secret door

Gesamtspielzeit: 61:43 min.

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