M83 - Hurry up, we're dreaming

M83- Hurry up, we're dreaming

Naïve / Indigo
VÖ: 14.10.2011

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Maximalismus im Wunderland

Anthony Gonzalez musste erst nach Los Angeles gehen, um seinen Traum von einem Doppelalbum zu verwirklichen. Vor "Hurry up, we’re dreaming" stand eine Eigentherapie. In der Wüste, zwischen Joshua Trees und nostalgischen Reflektionen über kindliche Unschuld und naive Phantasien ohne Selbstzensur. Dabei herausgekommen ist Breitwandmonumentalität auf Spielfilmlänge. "We didn’t need a story / We didn’t need a real world" singt Gastvokalistin Zola Jesus mysteriös im Opener "Intro" - Zeilen, die fast unter einer Decke aufgekratzter Synthesizer verschwinden, bevor Gonzalez, möwengleich über bisher ruhiger See, "Carry on, carry on" verkündet, um alles aus einem Trancezustand zu reißen. Diesem Weckruf folgt alsbald auch Jesus‘ Stimme, ein stapfender Beat setzt ein, das Ozeanorchester bäumt sich auf, formiert sich zur großen Hymne, Tusch, irgendwo ein Nymphengesang.

Ausschweifende fünf Minuten später werden dann alle auf ungepackten Koffern in die Wunderwelt von M83 gekarrt, in der es erst einmal keine Verschnaufpause gibt. "Midnight city", die Ankunft im LCD-Leuchten-Areal, wird gefeiert: mit Partyhütchen, tanzenden Wesen aus einem freundlichen Pixar-Film, explodierenden Farbbomben und einem Saxophon als Krönung. "Reunion" verströmt in den ersten Riffs Achtziger-Flair, wirkt weniger zappelig. Doch dann Trommelwirbel, die Disco geht weiter, und Gonzalez' exaltiert kippende Stimme beginnt ein wenig zu nerven. Der vielversprechende Einstieg weicht einem Gefühl, als habe man den dritten Begrüßungsdrink zu viel eingenommen oder der Enttäuschung, als dürfe man nach eifrigen Bewegungen auf dem Abschlussball nun doch nicht knutschen. Glücklicherweise bietet sich die Gelegenheit bald, wenn eine monologisierenden Frauenstimme zu leicht käsigem Schlagzeug im Regen schöne Dinge sagt, während die Gitarren an Cyndi Lauper erinnern.

Wenig später ist es dann endlich soweit: Nach großer Party das große Gefühl. Mit viel Akustik, viel Hall, zerbrechlichen Arrangements und epischem Leid positioniert sich "Wait" irgendwo zwischen den Fleet Foxes und The Shins - ein Ort, den man nie wieder verlassen will. Interessant wird "Hurry up, we’re dreaming" aber nicht durch den überschwänglichen Gebrauch von Pathos, sondern durch kleine Augenblicke, die wie Kieselsteine auf dem Boden liegen. "Where the boats go" beginnt vibrierend und pathetisch, bevor sich in den letzten Sekunden ein zartes Klavierspiel Raum bricht. Und selten referierte eine Fünfjährige liebreizender über die psychedelische Wirkung von Pfeilgiftfröschen als bei "Raconte-moi une histoire". Ein Schlüsseltrack ist "Train to Pluton": Gonzalez träumt sich hier mit seinem ersten musikalischen Aha-Erlebnis Jean Michel Jarre in einer Kurzstreckenfahrt durch das Weltall. Das Ende des ersten Teils beantwortet die ein Stück zuvor gestellte Frage "When will you come home?" mit "Soon, my friend" - der Zeitpunkt der Abreise ist noch nicht gekommen.

"My tears are becoming a sea" eröffnet Teil zwei mit Gänsehaut: Man möchte sofort die Hände in den Himmel reißen angesichts so viel Epos. Das instrumentale "New map" leistet sich nebst Keyboard, Effektgitarre und Kinderchor sogar illustres Flötenspiel, was insgesamt aber zu viel des Guten ist. "OK pal" wagt samt "Ghostbusters"-Synthie und Bubblegum-Beats den nächsten Rückblick in die Pop-Dekade - Produzent und Multiinstrumentalist Justin Meldal-Johnsen und Arrangeur Joseph Trapanese haben nichts ausgelassen. Doch plötzlich folgt ein für Gonzalez' Verhältnisse fast minimalistisches Stück, das endlich die ätherische Idee schlüssig ausbreitet, die zuvor nur in Kurzvarianten angedeutet wurde: "Splendor", wunderbar. "Year one, one UFO" wirkt im direkten Anschluss dagegen wie gemeinsames Bullenreiten von MGMT und Vampire Weekend und beinahe etwas albern.

Gegen Ende knallen die Sicherungen dann endgültig durch. "Steve McQueen" ist als Referenz an Prefab Sprouts gleichnamiges Werk von 1985 gedacht, versteckt dank maßloser Überfrachtung aber die eine oder andere hübsche Melodie leider als Staubflusen hinterm Sofa, "Echoes of mine" überlagert französisches Footage-Material nach kurzer Zeit mit Geschepper. Und da ein Teil von "Hurry up, we're dreaming" einem intensiven Konsum Werner Herzogs "Aguirre, der Zorn Gottes" geschuldet sein soll, heißt die Danksagung kurz vorm "Outro" schlicht "Klaus I love you". Zum Schluss noch ein paar Streicher und Grollen aus dem Erdreich, während Gonzalez mit den Worten "I’m the king of my own land" glückselig durch die letzten Stöße dieses tatsächlich sehr langen Longplayers taumelt. Zartes Klimpern zum Abschied, der Klavierdeckel wird zugeklappt. Die Frage am nächsten Morgen: "Was hast du geträumt?" Die Antwort: "Alles und nichts. Aber mein Kopf tut ein wenig weh."

(Carolin Weidner)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Bestellen/anhören bei Amazon

Highlights

  • Midnight city
  • Wait
  • My tears are becoming a sea
  • Splendor

Tracklist

  • CD 1
    1. Intro
    2. Midnight city
    3. Reunion
    4. Where the boats go
    5. Wait
    6. Raconte-moi une histoire
    7. Train to Pluton
    8. Claudia Lewis
    9. This bright flash
    10. When will you come home?
    11. Soon, my friend
  • CD 2
    1. My tears are becoming a sea
    2. New map
    3. OK pal
    4. Another wave from you
    5. Splendor
    6. Year one, one UFO
    7. Fountains
    8. Steve McQueen
    9. Echoes of mine
    10. Klaus I love you
    11. Outro

Gesamtspielzeit: 74:00 min.

Album/Rezension im Forum kommentieren (auch ohne Anmeldung möglich)

Einmal am Tag per Mail benachrichtigt werden über neue Beiträge in diesem Thread
Dein Name:
Deine Nachricht:
Forums-Thread ausklappen
(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Mojo 2
2018-10-08 08:14:19 Uhr
Ja wäre dafür das wir uns alle auf eine 7/10 einigen.
Mojo
2013-04-26 00:26:13 Uhr
6/10 kommt diesem Album leider wirklich nicht nahe.
M83
2012-11-01 18:28:50 Uhr
Hurry up, we're trolling.
mispel
2012-11-01 18:13:31 Uhr
Na also, geht doch. Aber über drei Stunden? Hier wurde auch schon mal härter getrollt.
mispel
2012-11-01 16:53:18 Uhr
Bin ja auch 'ne Hipsterschwuchtel.
Zum kompletten Thread

Hinterlasse uns eine Nachricht, warum du diesen Post melden möchtest.

Weitere Rezensionen im Plattentests.de-Archiv

M83 - Junk M83 - Junk (2016)

Threads im Plattentests.de-Forum

  • M83 (20 Beiträge / Letzter am 27.10.2012 - 12:42 Uhr)