Tori Amos - Night of hunters

Tori Amos- Night of hunters

Deutsche Grammophon / Universal
VÖ: 16.09.2011

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Eine Klassik für sich

Mehr als 20 Jahre hat sich Tori Amos geweigert, "Night of hunters" aufzunehmen. Der anspruchsvollen Klavier-Ästhetin und exzentrischen Konzeptkünstlerin mit der Idee vom großen Pop-Entwurf war ein Label im Zusammenhang mit sich und ihrer Musik einfach nicht geheuer: Klassik. Mit gerade fünf Jahren war sie die bis heute jüngste Stipendiatin des renommierten amerikanischen Peabody-Instituts und wurde dort in klassischem Gesang und Klavier ausgebildet. Schon mit elf Jahren langweilte sie der mathematische Zugang zu jahrhundertealter Musik aber so sehr, dass klassische Einflüsse es in Amos' künstlerischem Schaffen fortan nie über einen konstanten Unterton hinaus schafften. Mit ihrem zwölften Studioalbum entdeckt Amos ihre klassische Identität neu: "Night of hunters", das bei Deutsche Grammophon erscheint, einem der Klassik-Labels schlechthin, vereint Feuilleton-Pianopop, Klassik und mittelalterliche Kammermusik.

Hilfe hatte Amos dafür vom Apollon Musagète Streichquartett und weiteren Musikern, die mit Oboe, Horn, Klarinette und Flöte ihrem Klavierklang einen märchenhaften, naturwüchsigen Klassik-Rahmen zur Seite stellen, der Assoziationen zu weiten Naturlandschaften und mythischen Fabelwäldern weckt. Natürlich ist auch "Night of hunters" dabei wie alle Amos-Werke der letzten zehn Jahre ein äußerst ambitioniertes Konzeptalbum: Zahlreiche Figuren und Idenditäten wie Gestaltwandler, Feuerwesen und Geister treffen zu musikalischen Zwiegesprächen auf eine Pop-Elfe, die traumhaften Piano-Pop ästhetisch perfekt bis ins letzte Detail inszeniert. Den erzählerischen roten Faden des Liederzyklus bildet grob umrissen die Geschichte einer Frau in einer erkaltenden Beziehung auf der Suche nach sich selbst, während die Musik Variationen auf der Grundlage klassischer Stücke aus beinahe 400 Jahren von bedeutenden Komponisten wie Chopin, Schubert, Mendelssohn, Mussorgsky oder Bach darstellt.

Alles Moderne hat Amos auf "Night of hunters" abgestreift, das Album klingt entrückt, geheimnisvoll und zeitlos. Im Mittelpunkt stehen wieder ganz selbstverständlich zum einen ihr stilprägender Bösendorfer-Flügel, der in "Shattering sea" aufbraust und dunkel dräut und dann im von einer Flöte flankierten Instrumental "Seven sisters" wieder glockenklar singt. Zum anderen ist da ihre Stimme, die noch immer eine Klavierballade wie "Your ghost" fünf Minuten standhaft gegen den Kitsch verteidigen kann und einen beinahe schon zu typischen Tori-Amos-Song wie "Carry" mühelos trägt. Die satte Unterfütterung der Songs durch die klassischen Instrumente verleitet Amos aber auch zu fast zehn Minuten langen Dramen wie "Battle of trees" und "Star whisperer", die nach der Hälfte ihrer Spielzeit in Redundanz und Überfrachtung versinken. Und dazu ein Problem offenbaren, mit dem Amos in den letzten Jahren immer wieder zu kämpfen hat: Die künstlerische Ästhetik und der musikalische Ausdruck nähern sich unaufhaltsam der Perfektion, doch das emotionale Potenzial ihrer Songs schöpft die Musikerin oft nicht aus.

Gerade deshalb hatte Tori Amos eine gute Idee, als sie ihre Tochter in "Night of hunters" einband: Die gerade elfjährige Natashya Hawley sorgt in vier Stücken als Charakter Anabelle mit ihrer beeindruckenden Stimme zwischen kleinem Mädchen und Wunderkind für einen gesanglichen Dialog zwischen Mutter und Tochter, bei dem sich beide in "Cactus practice" gegenseitig in die Songzeilen fallen und der im still-bedrohlichen "The chase" so packend ausufert, dass der erwartungsvolle Hörer selbst vom Jäger der beiden Sängerinnen zum Gejagten wird. Im Titelstück teilt sich Amos den Gesang außerdem mit ihrer Nichte Kelsey Dobyns. Beide können jedoch nicht verhindern, dass "Night of hunters" trotz brillanter Momente insgesamt zu überladen wirkt, die Instrumentierung verschüttet immer wieder Atmosphäre und Emotionen, und das Songwriting knickt auf der vollen Länge von rund 71 Minuten mehrmals ein. Womit das Album im Gegensatz zu Tori Amos' erschütterndem, aufwühlendem, hochemotionalem Debüt "Little earthquakes" zu einem nicht taugt: zum Klassiker.

(Dennis Drögemüller)

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Highlights

  • Shattering sea
  • Fearlessness
  • The chase
  • Night of hunters

Tracklist

  1. Shattering sea
  2. Snowblind
  3. Battle of trees
  4. Fearlessness
  5. Cactus practice
  6. Star whisperer
  7. Jobs coffin
  8. Nautical twilight
  9. Your ghost
  10. Edge of the moon
  11. The chase
  12. Night of hunters
  13. Seven sisters
  14. Carry

Gesamtspielzeit: 71:40 min.

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