VNV Nation - Automatic

VNV Nation- Automatic

Anachron / Soulfood
VÖ: 16.09.2011

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Die Sendungsbewussten

Retrofuturismus ist auch nicht mehr das, was er mal war. Sagen zumindest jene, die sich beim jüngsten Steampunk-Revival vor lauter Gähnen fast den Kiefer ausgerenkt hätten. Ronan Harris ist da anderer Ansicht: Der Frontmann von VNV Nation hat einen Metallschreibtisch aus den Vierzigern zu Hause, lässt sich zusammen mit Kollege Mark Jackson in dezent altmodischen Anzügen ablichten und legt ein Album vor, dessen Artwork keine mahnende Symbolik mit Feuer und Schwert zeigt, sondern an ein stilisiertes Röhrenradio erinnert. Und so koppelt "Automatic" die Aufbruchstimmung der fortschreitenden Industrialisierung im Amerika des eingehenden 20. Jahrhunderts mit dem Ringen um ein besseres Morgen, wie es bereits auf Platten wie "Futureperfect" zu hören war. Ästhetik und Momentum der Vergangenheit weisen dabei genauso in Richtung Zukunft wie die Songs auf die dicht bevölkerte, schwarzlichtbestrahlte Tanzfläche. Und einen schlanken Fuß macht "Automatic" in der Tat des Öfteren.

Lediglich das fiepsige Intro gemahnt an die Feldforschungen im Äther, die Kraftwerk einst auf "Radio-Aktivität" betrieben - danach schickt dieses Album mit flirrend jubilierenden Synthies die Sehnsucht himmelwärts und mit muskulösen Sequenzen den Dance-Kick in die hoffentlich ausreichend tamponierte Magengegend. "Space & time" gibt eine vortreffliche 2.0-Version des einstigen Hits "Standing" ab, "Resolution" rotiert kämpferisch und großkariert, und das bombastische "Control" fährt anschließend noch donnernder mit all jenen Schlitten, denen Worte und Beats nicht deutlich genug sein können: Harris schimpft wie ein Rohrspatz, während die Basslinie wie drei Höhenfeuerwerke auf einmal böllert und die restlichen Maschinen hyperventilierende Acid-Volten schlagen. Gäbe es den Begriff Electronic Body Music nicht schon längst - man müsste ihn für diesen Monstertrack schleunigst erfinden. Und zumindest bis hierhin machen VNV Nation alles beeindruckend richtig.

Was nicht heißen soll, dass das Duo danach viel verkehrt macht - aus ihrer Haut können Harris und Jackson als Tendenzmelancholiker und Klangbastler in Personalunion aber nach wie vor nicht vollständig. Das zeigt die deutlich heruntergefahrene Standard-Clubnummer "Streamline" ebenso wie der Weichstich-Trance von "Photon" oder die Quotenballade "Nova (Shine a light on me)", gegen die jedes Amen in der Kirche eine faustdicke Überraschung ist. Und trotzdem belegen VNV Nation dank zusehends entrümpelten Sounds und lichtblitzartiger Farbwechsel auf Studioalbum Nummer acht ihre Relevanz wieder deutlicher als noch auf "Of faith, power and glory". Zuletzt bittet Harris alle noch einmal vor den Volksempfänger und spricht Schlichtes zum sich allmählich entfaltenden Elektro-Pop-Sendeschluss "Radio": Unser globales Dorf soll schöner werden. Automatisch geht das sicher nicht - aber mit "Automatic" womöglich ein ganzes Stück einfacher.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • Space & time
  • Resolution
  • Control

Tracklist

  1. On-air
  2. Space & time
  3. Resolution
  4. Control
  5. Goodbye 20th century
  6. Streamline
  7. Gratitude
  8. Nova (Shine a light on me)
  9. Photon
  10. Radio

Gesamtspielzeit: 56:45 min.

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