Siinai - Olympic games

Siinai- Olympic games

Splendour / Cargo
VÖ: 23.09.2011

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Mit Substanz

Niemand ist eine Halbinsel. Auch nicht Siinai aus Helsinki, obwohl ihr Name den Eindruck hinterlässt, als habe jemand die Schreibweise der nordafrikanischen Landzunge versaubeutelt. Besuch haben die Finnen allerdings unlängst aus Kanada bekommen: Spencer Krug von Wolf Parade verpflichtete das Quartett als Mitmusiker für das nächste Album seines orgelnden Nebenprojektes Moonface. Und wer sich schon bei "Organ music not vibraphone like I'd hoped" zu den psychedelischen Anfängen elektronischer Musik in den Siebzigern zurückversetzt fühlte, darf ruhig noch etwas verweilen. Es werden gereicht: Kraut, Rüben, kosmische Keyboards und womöglich auch bewusstseinserweiterndes Backwerk.

Auf die Plätzchen, fertig, los heißt es jedoch nicht nur musikalisch: Wie am Albumtitel unschwer zu erkennen, begeben sich Siinai auch inhaltlich auf sportliches Terrain. Und zwar mit der gleichen liebenswert altbackenen, monothematischen Orientierung, mit der auch Kraftwerk ihre Platten Schienenfahrzeugen, Elektronengehirnen oder Radrundfahrten widmeten. Große Symbolik, historische Stätten, klassische Disziplinen - in Siinais verklärter Betrachtungsweise der olympischen Wettkämpfe ist kein Platz für fortschreitende Kommerzialisierung, politisch motivierte Boykottaktionen oder gar unerlaubt verabreichte Substanzen. Nur warum qualmt und kokelt es auf "Olympic games" durchgängig so verdächtig?

Zur Dopingkontrolle sollte man also vorsichtshalber nicht bitten - zu malerisch fließen hier weiche Keyboard-Drones mit Synthie-Harmonien zusammen und kickt die Rhythmusgruppe wohlig monotone Grooves, während aus den Gitarren Ansätze von Shoegaze und Post-Punk widerhallen. Gesang benötigt diese voluminöse Aktualisierung elektronischen Krautrocks nicht, sieht man von wuchtigen Chören an ausgesuchten Stellen einmal ab. Nicht die einzige Ähnlichkeit zu den ersten beiden Alben der Neu!-Nachfolgeorganisation La Düsseldorf, die auf "Olympic games" allerspätestens dann im Raum steht, wenn "Victory" nach sechseinhalb Minuten bassig-perkussivem Gegrummel in ein prächtiges Finale hineinexplodiert.

Sicher könnte man Siinai vorwerfen, sie würden hauptsächlich rückwärtsgewandten Utopien hinterherlaufen und bereits Dagewesenem nicht viel Neues hinzufügen. Möchte man aber gar nicht - erst recht nicht angesichts des eröffnenden "Anthem", das in drei Parts rund ein Drittel dieses Albums ausmacht und mit aller Zeit der Welt nebliges, elektronisches Gewaber und metallische Hypno-Riffs in einer grandiosen Viertelstunde miteinander verschweißt. Dass es auch einzeln geht, beweisen danach der hymnische Space-Rocker "Marathon" und "Olympic fire", das für vergleichsweise moderate dreieinhalb Minuten eine majestätische Sequenz lodern lässt, bevor die Flamme langsam erlischt. Und das kurz vor der Ziellinie. Glücklicherweise tragen Siinai keine olympische Fackel durch die Lande, sondern verbreiten die Erkenntnis: "Olympic games" ist großer Breitensport.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • Anthem 1 + 2
  • Marathon
  • Olympic fire

Tracklist

  1. Anthem 1 + 2
  2. Anthem 3
  3. Marathon
  4. Mt. Olympos
  5. Munich 1972
  6. Victory
  7. Olympic fire
  8. Finish line

Gesamtspielzeit: 49:00 min.

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