Anathema - Falling deeper

Anathema- Falling deeper

Kscope / Edel
VÖ: 16.09.2011

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Neuverjährtes

Für Zeitreisen braucht es keine Relativitätstheorie mehr - oder auf 88 Meilen die Stunde beschleunigte Deloreans. Wer seinen Pauschalurlaub mit Anathemas "Falling deeper" bucht, erlebt die Geburtsstunde des legendären Peaceville-Gothicsounds der 1990er noch einmal mit. Oder besser: Er müsste sie noch einmal miterleben. Denn die Trackliste dieser Platte verrät das dazugehörige Album als eine Ansammlung von Antiquitäten. Songs der "Crestfallen"-EP haben Anathema genauso wiederbelebt wie Nummern von "The silent enigma", der letzten Doom-Platte der Gothic-Pioniere, die noch einwandfrei kompatibel mit dem Soundcheck im Rock Hard war. Der Kick dabei: Anathema haben alle dieser Songs neu interpretiert. Und selbst Fans der ersten Stunde könnte man mit so manchem Track auf "Falling deeper" in Verlegenheit bringen wie einen Anfänger, der bloß vorgibt, den halben Bootleg-Katalog seiner vermeintlichen Lieblingsband mit geschlossenen Augen am ersten Akkord benennen zu können.

Und das kommt so: Anathema waren nie die Band, die halbe Sachen machte. Die zähflüssigsten Doomsongs ihrer ersten Platten mussten mindestens genauso viele Minuten scheppern wie die ihrer damaligen Seelenverwandten von My Dying Bride. Die Stilwechsel von einer Platte zur nächsten vollzogen sie so schmerzlos, als wären sie einem Masterplan gefolgt. Und bereits auf dem Quasi-Vorgänger von "Falling deeper", "Hindsight" von 2008, entblätterten sie alte Hits wie Archäologen, die mit feinem Gerät und noch feinerer Hand alte Schätze freilegten. Kein Zufall also, dass "Falling deeper" so passgenau beginnt - oder dass das Album längst bekannte Songs klingen lässt, als höre man sie zum allerersten Mal im Leben. Wenn schon neu, dann auch richtig, bitte.

Tastenmann Les Smith legt einen Teppich aus Keyboardstreichern aus, die Gebrüder Cavanagh lassen ihre Gitarre weinen, wie nur sie sie weinen lassen - schon nach wenigen Takten von "Falling deeper" wissen Fans ganz genau, welche Band sie gerade aufgelegt haben. Bloß mit den Songs ist das oft ein wenig schwieriger. Denn aus dem Zehn-Minuten-Doommonster "Crestfallen" filtern Anathema genau eine Leitmelodie und streichen ansonsten all die Passagen radikal weg, bei denen im Original die Gruftgitarren rauf- und runterpolterten wie betrunkene Totengräber, die nachts die Bekanntschaft mit einer steilen Kellertreppe gemacht haben. Viele der Songs sind so mehr als die Hälfte kürzer als die Originale. Was übrigbleibt sind wie in der Neuinterpretation von jenem "Crestfallen" oder von "Sunset of age" aus "The silent enigma" sphärische Klanggemälde in Moll - und ein paar nett gemeinte Experimente, die nett gemeinte Experimente bleiben.

Dabei zeigt sich die Integrität dieser Band alleine schon wieder an der Auswahl der Songs. Es finden sich auf der Platte kaum offensichtlichen Hits, mit denen Anathema noch einmal abkassieren wollen. Statt "Sweet tears" gibt es von "Serenades" eine etwas abgespeckte Version von "J'ai Fait Une Promesse" ganz ohne weiblichen Gesang - und damit auch ohne das Prickeln des Originals. Statt "A dying wish" von "The silent enigma" nehmen sich Anathema auf "Falling deeper" noch einmal "...Alone" vor - und machen aus den vier Minuten Zwischenspiel des Originals eine siebenminütige Pickingstudie. Die Neuauflage von "Everwake" lassen Anathema Anneke van Giersbergen singen, und spätestens da sind sie angekommen bei ihrer Rundreise durch die frühen und mittleren 1990er. Ticket, s'il vous plait?

(Sven Cadario)

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Highlights

  • Crestfallen
  • Sunset of age

Tracklist

  1. Crestfallen
  2. Sleep in sanity
  3. Kingdom
  4. They die
  5. Everwake
  6. J’ai fait une promesse
  7. ...Alone
  8. We, the gods
  9. Sunset of age

Gesamtspielzeit: 45:10 min.

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