Hollywood Undead - American tragedy

Hollywood Undead- American tragedy

A & M / Octone / Universal
VÖ: 16.09.2011

Unsere Bewertung: 4/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Der Trauerfall

Eigentlich ist es kaum vorstellbar, wie jemand Hollywood Undeads Zweitwerk "American tragedy" außerhalb der USA oder auch nur außerhalb von Los Angeles hören soll. Irgendwo im Nirgendwo des Mittleren Westens der USA mag das vielleicht noch funktionieren: Dort dürfen sich blasse Jugendliche zwischen Maisfeld, 2Pac-Postern und Pappaufstellern von Kim Kardashian mit dem Weißbrot-Rap-Rock-Pop des kalifornischen Sextetts ihren ganz persönlichen amerikanischen Traum von Glamour und Geltung herbeifantasieren. Aber wer in Mitteleuropa verfügt bitte über die nötigen Gimmicks von Muscle Car mit Bassrolle im Kofferraum über NY-Cap, Baggypants und Geldclip bis hin zur 9-Millimeter-Knarre, um diesen verzuckerten Gangsta-Pop auf dem Weg in den R'n'B-Club hören zu wollen?

Während das Debüt "Swan songs" vor zwei Jahren durchaus für eine Prise aufrichtiges Lebensgefühl zwischen Hollywood-Glitzer und Straßendreck gut war, ist der Nachfolger ein Triumph des Kapitalismus und des Pop: Die Metal- und Rockgitarren wurden auf Mainstreamrock-Niveau zurechtgestutzt, dazu geistern unzurechnungsfähige Keyboards, Synthies und Autotune-Effekte durch das Album. Alles schreit hier unangenehm kalkuliert nach kleinstem gemeinsamem Nenner und größtmöglichem Publikum. Die Standardformel der Songs ist dabei noch immer die gleiche: gerappte Eminem-Strophe, clean gesungener Linkin-Park-Refrain - so zieht sich das Ganze mit Variationen im Nano-Bereich über zwei Drittel des Albums.

Schwer zu sagen, ob die kleinen Experimente nun Hoch- oder Tiefpunkte von "American tragedy" sind: "Bullet" wanzt sich berechnend an Country-Pop der Marke Taylor Swift ran, ist aber, wenn man ehrlich ist, ein herziges Stück Harmlosigkeit. "Levitate" hätten Bon Jovi von den Raps abgesehen genauso gemacht, und "Coming back down" ist von One Republic ebenso abgeguckt wie von The Calling oder SR-71. Die zugehörigen Texte haben Sehnsucht und Pubertätspickel und sind etwa so glaubwürdig wie Lemmy in Sandalen. Oberflächlich und harmlos - so klingt dieser Sound, mit dem man die passende Sorte Mädchen und damit auch die entsprechenden Jungs in den Club zum Konsumieren lockt. Dort kann man Hollywood Undead neuerdings nämlich auch zwischen Kanye West und Britney Spears mischen, ohne dass es auffallen würde.

Und weil Bling-Bling im Video mit dem schmachtenden Heavy-Pop Kling-Kling in der Kasse bedeutet und man offenbar auf Nummer sicher gehen wollte, teilen sich gleich fünf Produzenten die Credits für das Aufbereiten dieser dreisten Abkassiererei von Album, das obendrein mit seinen 66 Minuten an der Obergrenze des Erträglichen operiert. Eventuell hat sich Gründungsmitglied Deuce auch deshalb in die Solokarriere verabschiedet, weil er den Ausverkauf seiner Band nicht mittragen wollte. Blieben nicht am Ende eine Handvoll gute Hooks und Melodien, man wäre versucht, ein paar Zombie-Jäger auf die Musiker und ihren untoten Sound anzusetzen. Denn "American tragedy" erzählt eine uramerikanische Tragödie: Hier nimmt eine an sich gute musikalische Idee höchst unangenehme Formen an.

(Dennis Drögemüller)

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Highlights

  • Been to hell
  • I don't wanna die

Tracklist

  1. Been to hell
  2. Apologize
  3. Comin' in hot
  4. My town
  5. I don't wanna die
  6. Hear me now
  7. Gangsta sexy
  8. Glory
  9. Lights out
  10. Coming back down
  11. Bullet
  12. Levitate
  13. Pour me
  14. Tendicies
  15. Mother murder (Bonus track)
  16. Lump your head (Bonus track)
  17. Le deux (Bonus track)
  18. S.C.A.V.A. (Bonus track)

Gesamtspielzeit: 66:20 min.

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