Ladytron - Gravity the seducer

Ladytron- Gravity the seducer

Nettwerk / Soulfood
VÖ: 09.09.2011

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Unter Wolken

Der Moment, wenn die Magie gerade verflogen ist, schmeckt besonders bitter. Wenn das Rätsel verschwindet und die übrig bleibende Erklärung viel zu banal ist. Wenn das Gefühl verpufft ist und die Erinnerung an bessere Zeiten den Kummer nicht lindern kann. Ladytrons Musik beschreibt schon immer diesen desillusionierten Zustand, an dem die Leidenschaft noch nicht die Kraft gefunden hat, zu Frustration oder Aggression zu werden. Dieses sanfte Gefühl der Anklage, die charmante Formulierung der Resignation - sie sind die schönsten Aggregatszustände der Melancholie.

Dass man in anderen Zeiten andere Worte dafür fand und andere Klänge, wussten Ladytron schon immer. Doch wo sie bislang gerne mal schroffe Beats und kantige Klänge verwendeten, steht ihnen für das kryptisch betitelte "Gravity the seducer" der Sinn nach Weichzeichnern. Schon dem Opener "White elephant" gestatten sie so viel Opulenz, wie es der weiterhin minimalistische Rahmen zulässt. Enttäuschungen werden mit markanten Bildern verklausuliert. In "White elephant" fordert Helen Marnie eine Geige, Fotografien und schwarze Saiten zu einer gemeinsamen Kapitulation ein, in "White gold" singt sie vom allgegenwärtigen Weiß als "the colour of deception".

Der Vierer orientiert sich natürlich nicht nur an abstrakten Gedanken, sondern flirtet weiter gerne mit der Technik. Das schon von der Werkschau "Best of Ladytron 00-10" bekannte "Ace of Hz" bricht Herzen mit einem sehnsüchtigen Wortspiel. Auf "Gravity the seducer" wird das muntere Treiben gar zum Zentrum der gegenwärtigen Romantik. Sein Motiv wird im abschließenden "Aces high" in romantisierter Form aufgegriffen. Mit dem hymnischen Gewicht der Songs von "Witching hour" oder "Velucifero" hat das fünfte Album der Liverpooler dennoch nur noch wenig gemein. "Gravity the seducer" neigt zum Ätherischen, zum Wolkigen, zum Verhuschten. Die dazu passende Trägheit der Rhythmen gemahnt neben den hoffnungsarmen Harmonien deutlich mehr als zuletzt an deutsche Elektronik der Sieb- und Achtziger. Selbst wenn die Beats mal Fahrt aufnehmen, sorgt die distanzierte Melodieführung für kalte Schauer.

Dennoch gehört es zur Kunst von Ladytron, sich nicht mit Kälte und Dramatik (oder gar mit bloßer Nostalgie) zu begnügen. Sie kriechen mit Songs wie "Ambulances" und "Melting ice" unter die Haut der Träumer, nicht ohne den Bewegungswillen der Schwarzkittel zu kitzeln. Immer wieder lassen sie zudem kleine Details einfließen, die analoge Wärme verbreiten. Sei es der Heimorgel-Nachdruck aus "Ritual", das verwackelte Klavier aus "Moon palace" oder das wiederkehrende Bontempi-Schubbern, das als Rhythmusgeber die Prägnanz eines fluffigen Wattebauschs verbreitet. Doch das antriebslose Schweben ist kein Nachlassen; die vermeintliche Indifferenz ist dem Grundgefühl von "Gravity the seducer" mehr als angemessen. Wer sich von der Schwerkraft verführen lässt, schwebt willig danieder.

(Oliver Ding)

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Highlights

  • Mirage
  • Ace of Hz
  • Ambulances
  • Melting ice

Tracklist

  1. White elephant
  2. Mirage
  3. White gold
  4. Ace of Hz
  5. Ritual
  6. Moon palace
  7. Altitude blues
  8. Ambulances
  9. Melting ice
  10. Transparent days
  11. 90 degrees
  12. Aces high

Gesamtspielzeit: 48:41 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Halcoyn
2011-09-13 18:01:19 Uhr
Ja, doch es kriegt die Kurve bei mir. Die Entwicklung ist toll, ganz anders als ich sie kenne aber genau das ist es ja. Das Album hat einfach eine Stimmung, die mich nicht mehr loslässt. Sehr schön bildliche Tracklist übrigens auch, und die Ausstattung (Booklet, Design) ist auch gelungen. Bin gespannt wie sich das noch entwickelt.
Schmackofatz
2011-09-11 13:25:31 Uhr
Ist sicher kein schlechtes Album aber ein paar mehr kantige Beats hatten sie schon einbauen können. Obwohl ihr Dream pop-Sound schon interessant klingt.
Halcyon
2011-09-09 17:56:19 Uhr
Ich mochte Ladytron immer (vor allem auf "Velocifero") für ihren düsteren, irgendwie dröhnenden Sound. Dass sie jetzt in Richtung Licht streben ... da muss ich mich erstmal dran gewöhnen. Ist andererseits auch eine tolle Wendung, und abschreiben werde ich sie ganz sicher nicht.
musie
2011-09-07 09:26:32 Uhr
ein extrem gelungenes album und eine ebenso gelungene rezi, welche das album auf den punkt bringt. hoffentlich erinnere ich mich dann ende jahr daran beim ausfüllen der jahreslisten...

subjektiv ein album - wie das neue von M83 - für schwelgerische musikalische untermalungen zum sonnenuntergang...
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