Sixteen Horsepower - Yours, truly

Sixteen Horsepower- Yours, truly

Glitterhouse / Indigo
VÖ: 02.09.2011

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Vorbei ist vorbei

Das Wesen der Vergangenheit ist das Unwiederbringliche. So sehr sich politische Ereignisse und kulturelle Strömungen sonst vielleicht unterscheiden mögen, so sehr ähneln sie sich, wenn sie den Weg alles Irdischen gegangen sind. Alle Anstrengungen von Historikern oder anderen Nostalgikern ändert nichts daran, dass der Blick zurück zwangsläufig verzerrt sein muss und die Erinnerung ihr Spielchen mit uns treibt. Wer sich dessen bewusst ist, befindet sich jedoch in einer durchaus angenehmen Position. Seitdem in der Steinzeit der erste Homo Sapiens mit einem Holzknüppel rhythmisch auf Fels klopfte und damit die Musik erfand, leben ganze Generationen von Popmusikern von dieser Möglichkeit.

Auch Sixteen Horsepower gehörten zu dieser Art von Geschichtsklitterern. Sie kramten unter dicken Staubschichten, um die dunkle Seite jener amerikanischen "Folklore" freizulegen, nach der sie sogar ein Album benannten. Sie schürften tief und tiefer und kamen so den letzten Dingen näher als mancher Priester. Von Beginn an gehörte das Trio aus Denver zur Speerspitze der wiederbelebten Americana-Bewegung. Schon mit ihrem dunkel rumpelnden Debütalbum "Sackcloth 'n' ashes" schickten sie 1996 Spaß und Freude zum Verdorren in die Wüste. Dave Eugene Edwards' barmende Stimme machte aus knorrigen Erzählungen wie "I seen what I saw" oder dem spukigen "American wheeze" Moritaten zwischen Hoffen und Bangen. Neben traditionellen Schiebern und waldschratigem Bluegrass las er aus gotischen Messen und ließ die Saiten aufjaulen, als sei ihnen der Teufel persönlich auf der Spur.

Stets sorgten metallische Saitenklänge von Banjo oder Dobro und spartanische Arrangements mit altertümlich wirkendem Instrumentarium wie Chemnitzer Konzertina und Drehleier dafür, dass trotz der zahlreichen folkloristischen Einflüsse zu keiner Zeit spießiges Country-Feeling aufkam. "Low estate" gestattete sich 1997 mit der Produktion von John Parish (PJ Harvey, Giant Sand, Sparklehorse) ein wenig Politur. Das Titelstück wankte mit Bandoneon und Geigen durch eine Geisterspelunke, und das mächtige Riff von "For heaven's sake" pries den Herrn mit bebendem Nachdruck. Ihr Meisterwerk legten Sixteen Horsepower dann 2000 mit "Secret south" ab, das spirituelle Tiefe mit ehrfürchtigem Lärm verband. Nach den Rückbesinnungen "Folklore" und "Olden" war dann 2004 endgültig Schluss mit der Band.

Nun sind Sixteen Horsepower selbst Objekt der Rückbetrachtung. "Yours, truly" versammelt auf zwei Tonträgern zwölf Hits nach "People's choice" und dreizehn Raritäten. Unter den Lieblingen des Publikums sind mit den Singles "Clogger" und "Splinters", der munteren Beschwörung "Strawfoot", den beseelten Pickings von "Poor mouth" und dem erhebendem Drama "Cinder alley" gleich fünf Songs von "Secret south". Vergleicht man Frühwerke wie "Haw" oder "Black soul choir" mit dem späten "Hutterite mile", fällt auf, wie frühvollendet Edwards spirituelle Gratwanderungen waren. Das macht die Chronologie der einzelnen Songs noch verzichtbarer.

Besonders spannend ist in diesem Fall jedoch die CD mit den Raritäten. Es sind seltene B-Seiten und nie veröffentlichte Demos oder längst aus den Katalogen gestrichene Alternativversionen, die Glitterhouse für diese angenehm unaufdringliche Würdigung zusammengestellt haben. Neben torkelnden Flitzern wie "Dead run" und bluesigem Unbehagen wie "De-railed" glänzen hier obskure Coverversionen wie das wahrhaft feurige "Fire spirit" von The Gun Club, das geisterhafte "Bad moon risin'", das mit der Vorlage von Creedance Clearwater Revival kaum noch etwas gemein hat, oder das bewegende "The partisan", bei dem 16 Horsepower gemeinsam mit Bertrand Cantat von Noir Désir Leonard Cohens Widerstandsdrama als freudloses Armageddon zelebrierten. Auch heute noch sucht die sperrige Wucht, die diese Band entfalten konnte, Ihresgleichen. Sie schöpfte ihre Kraft auf dem Wissen um die eigene Vergänglichkeit: Alles hat ein Ende. Zum Glück sorgt die mystische Energie, die in Edwards tiefem Glauben steckt, dafür, dass das Schaffen von Sixteen Horsepower in Woven Hand weiterlebt.

(Oliver Ding)

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Highlights

  • American wheeze
  • Splinters
  • For heaven's sake
  • Poor mouth
  • Cinder alley
  • The partisan

Tracklist

  • CD 1
    1. Black soul choir
    2. American wheeze
    3. Splinters
    4. Haw
    5. For heaven's sake
    6. Clogger
    7. Hutterite mile
    8. Poor mouth
    9. Cinder alley
    10. Low estate
    11. I seen what I saw
    12. Strawfoot
  • CD 2
    1. Phyllis Ruth
    2. Flowers in my heart
    3. Dead run
    4. American wheeze
    5. Black soul choir (Different version)
    6. Bad moon rising
    7. Worry
    8. The partisan
    9. Fire spirit
    10. Cinder alley (Secret south demo version)
    11. Poor mouth (Secret south demo version)
    12. Clogger (Remix)
    13. De-railed

Gesamtspielzeit: 94:23 min.

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