Other Lives - Tamer animals

Other Lives- Tamer animals

PIAS / Rough Trade
VÖ: 26.08.2011

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Die Tiere sind ruhig

Es gibt einen guten Grund dafür, direkt mit einer geografischen Formalität zu beginnen: Other Lives stammen aus der in Oklahoma gelegenen Stadt Stillwater. Und es gibt auch einen guten Grund dafür, zu verschweigen, dass The All-American Rejects ebenfalls dort herkommen. Wir wollen ja schließlich nicht die Glaubwürdigkeit der folgenden Überleitung gefährden, auch wenn jene zugegebenermaßen ähnlich vorhersehbar ist, wie die Songs der erwähnten Band mit dem antiamerikanischen Namen. Trotzdem, sie passt einfach zu gut, die Sache mit dem stillen Wasser und seiner Tiefe. Denn das von Multi-Instrumentalist Jesse Tabish angeführte Quintett erschafft auf seinem zweiten, selbst produzierten Album "Tamer animals" elf Stücke von bemerkenswerter Größe, die sich dadurch auszeichnet, nicht in die Breite, sondern vor allem in die Tiefe zu gehen - also in dieser Hinsicht ziemlich unamerikanisch ist.

Man könnte nun die Schubladen cineastischer Kammerpop, Americana und Indierock aufziehen, in genau dieser Reihenfolge, und hätte trotzdem keine Ahnung, was einen in diesen fulminanten 40 Minuten erwartet: ein Ereignis, eine Expedition, ein exzessives Naturschauspiel. Die Beobachtung der Beziehung zwischen Mensch und Natur sei das Hauptthema auf "Tamer animals", ließ Tabish in einem Interview verlauten, und illustriert sein Forschungsergebnis in einem opulenten, weitläufigen Epos: Zähmung durch Verbrüderung, Zutraulichkeit durch Vertrauen. Nicht selten wähnt man sich bei diesem Album in einem Historienfilm, mit Pauken, Trompeten und Streicherschwärmen - man höre sich nur einmal "Desert" an. Ohnehin ist die reich ornamentierte Instrumentierung eine außerordentlich klassische: Violine, Cello, Fagott, Bassklarinette, Waldhorn, Querflöte, Harmonium - man denkt unweigerlich an Brian Wilson in seiner "Smile"-Ära. Und an die Fleet Foxes, mit ihren schwelgerischen mehrstimmigen Chorgesängen, vor allem bei "Weather".

Wenn man diese Platte auf ein einziges Wort runterkürzen müsste, dann wäre das: Schichten, auch mit "Ge-" davor. Es passiert so viel gleichzeitig und man hat dennoch nicht das Gefühl, dass hier irgendetwas überladen oder gar überflüssig ist. Das mag daran liegen, dass Other Lives große Verehrer moderner minimalistischer Komponisten wie Steve Reich oder Philip Glass sind und auch selbst ein Faible für repetitive Elemente haben. Sie verleihen ihrer Musik etwas meditativ Kreisendes, und trotzdem stellt sich nie der Eindruck ein, dass die Lieder nicht vom Fleck kommen würden - ganz im Gegenteil. Man weiß das schon bei den ersten Staccato-Bläsern, die "Dark horse" eröffnen und sich mit würdevollen Streichern zu einer orchestralen Opulenz verbinden, die trotzdem immer bescheiden und zutraulich bleibt. Thom Yorke und Wayne Coyne haben sie übrigens auch schon gefügig gemacht, beide haben sich bereits als Fans der Band geoutet. Verwunderlich ist das nicht.

"As I lay my head down" zeichnet ein höchst interessantes rhythmisches Muster, das sich in einem sinfonischen "Wall of sound"-Arrangement niederlässt und beobachtet, wie der Mittelteil von vorwitzigen Kastagnetten gekapert wird. Die erste Singleauskopplung, "For 12", spielt dann schon wieder in einem ganz anderen Film - in einem Western mit sehr weiten, sehr staubigen Kulissen und Ennio-Morricone-Gitarre. Auch "Dust bowl III" entspringt einer ähnlichen Szenerie, mit polternden Drums, luftgetrocknetem Americana und den zuversichtlichen Worten "We're on our way". Auch wenn der Titeltrack dem zeitgemäßen Indierock zumindest den kleinen Finger reicht, führt der Weg von Other Lives doch meistens in die späten Sechziger, insbesondere bei "Old statues", dem vielleicht schönsten Song des Albums. Das rein instrumentale, orchestrale Finale zeigt dann noch einmal in aller Deutlichkeit, dass Tabish auch ein ganz hervorragender klassischer Komponist ist: "Heading east" schwärmt nicht nur gen Osten, sondern in alle Himmelsrichtungen aus. Der Kompass ist verwirrt, aber Other Lives wissen, wo's langgeht. Nach oben.

(Ina Simone Mautz)

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Highlights

  • Dark horse
  • For 12
  • Old statues
  • Heading east

Tracklist

  1. Dark horse
  2. As I lay my head down
  3. For 12
  4. Tamer animals
  5. Dust bowl III
  6. Weather
  7. Old statues
  8. Woodwind
  9. Desert
  10. Landforms
  11. Heading east

Gesamtspielzeit: 40:20 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Citizen Hexagon
2014-08-29 22:49:51 Uhr
Tamer Animals ist einfach nur genial. Was für ein Song.

We're just tamer animals.

The MACHINA of God

Postings: 13133

Registriert seit 07.06.2013

2013-09-21 21:13:41 Uhr
Die EP ist voll an mir vorbeigegangen... mal reinhören.
Langes Elend
2013-09-21 15:35:14 Uhr
Take us alive (auf 'Mind the gap') klingt zwar irgendwie atypisch und psychedelic, ist aber ein ganz starkes Teil!
The MACHINA of God
2012-06-22 15:25:09 Uhr
Live auch sehr schön. Es wird Zeit für was neues.
saihttam
2012-03-18 13:05:21 Uhr
wirklich n schönes Album. klasse Atmosphäre die da aufgebaut wird. und demnächst in der Brotfabrik. ich freu mich.
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