BOY - Mutual friends

BOY- Mutual friends

Grönland / Rough Trade
VÖ: 02.09.2011

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Mädchen, Mädchen

Der englische Schriftsteller Gilbert Keith Chesterton sagte einmal folgenden klugen Satz: "Zum Wesentlichen eines Bildes gehört der Rahmen." Auch ein Album, das ein Kunststück sein möchte, braucht einen - ein dramaturgisch umarmendes Etwas, das Anfang und Ende festlegt, ohne Grenzen zu setzen. Das Debütalbum von BOY erfüllt diese Voraussetzung ganz souverän: "This is the beginning of anything you want", heißt es im ersten Lied, einem verspielt blinzelnden Akustikgitarrenstück mit Vibraphon-Nuancen und Aufbruchsstimmung. Den Text dazu hat Valeska Steiner geschrieben, als sie von Zürich nach Hamburg zog, um mit ihrer musikalischen Partnerin Sonja Glass fortan gemeinsame Sache zu machen - unter dem Namen BOY. Die beiden schrieben fleißig Songs, tourten unermüdich und veröffentlichten in Eigenregie eine akustische EP, deren Stücke sich nun teilweise auch auf "Mutual friends" wiederfinden, wenn auch in neuen Versionen.

Das finale Gegenstück zu "This is the beginning" heißt "July" und erzählt in fast sechs Minuten vom Ankommen und von Geborgenheit, vom Durchatmen und Zurücklehnen. Ohnehin sind diese zwölf Lieder Musik für die Ruhe vor, während und nach dem Sturm. Durchaus euphorisch, aber gleichzeitig so entspannt, dass man eigentlich nur beseelt seufzen und andächtig lauschen kann. Natürlich ist das ein schmaler Grat zwischen Unaufgeregtheit und Langeweile, zwischen Niedlichkeit und Belanglosigkeit. BOY halten die Balance jedoch mit derselben traumwandlerischen Sicherheit, mit der sie auch diese herrlich luftigen Melodien aus den nicht vorhandenen Ärmeln ihrer geblümten Sommerkleidchen schütteln. Eine ordentliche Portion skandinavischer Charme steckt in ihrer Musik, die nach frisch gemähtem Heu, Gänseblümchen, Blaubeer-Muffins und Fahrtwind riecht.

"Waitress" handelt von einer Kellnerin, die darauf wartet, dass ihr Leben endlich losgeht und wenigstens ansatzweise so großartig wird wie der Refrain dieses Songs. Er hat zwar etwas weniger schwelgenden Folk, dafür aber mehr Rhythmus und Indiepop parat - und den ersten Auftritt eines prominenten Gastes: Phoenix-Schlagzeuger Thomas Hedlund hat auf vier Stücken getrommelt, und man erkennt ihn sofort. Drei davon, "Oh boy", Skin" und "Silver street", folgen direkt aufeinander, lassen keinen Zweifel an ihrer Gemeinsamkeit und so für einen kurzen Moment dann doch etwas die Vielseitigkeit vermissen. Ins Gewicht fällt das allerdings nicht - wie auch, bei diesen federleichten Melodien. Und genau da liegt die große Stärke von BOY: in den hinreißenden Refrains und deren Anhänglichkeit, die nie zu Aufdringlichkeit verkommt. "Little numbers" mit seiner fantastisch ausgelassenen Klavier-Basslinie ist ganz im Gegensatz zu seinem Titel eine wahrlich große Nummer. Sommermusik für alle Jahreszeiten.

Aufgenommen wurde "Mutual friends" mit dem Berliner Multiinstrumentalisten und Produzenten Philipp Steinke. Dessen Studio befindet sich im alten Kinderzimmer seines Elternhauses, und dieses Gefühl von Familienanschluss, von Nähe und Vertrautheit hat man auch bei BOY. Und immer wieder geht es ums Aufbrechen und Ankommen: "And no rearview could picture what we leave behind", heißt es im zauberhaften "Drive darling", Valeskas Abschiedslied an Zürich und ihre Lieben dort. "Waltz for Pony" ist das beste Beispiel für das, was dieses Duo so besonders macht: Sie brauchen keine üppigen Arrangements, keine Schminke und keine Klunker. Sie brauchen nur eine Klampfe, ihre Geschichten und diesen wunderbaren Gesang. Mehr ist gar nicht nötig. Wobei man auf Sonjas dezente Cello-Accessoires an dieser Stelle auch nur ungern verzichten würde. Im countryesken "Boris" geht es hingegen um einen äußerst verzichtbaren Typen, mit dem BOY wohl keine "Mutual friends" haben. Aber Freunde machen werden sich die beiden reizenden Damen mit diesem Album ganz bestimmt genug.

(Ina Simone Mautz)

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Highlights

  • Waitress
  • Little numbers
  • Drive darling
  • Waltz for Pony

Tracklist

  1. This is the beginning
  2. Waitress
  3. Army
  4. Little numbers
  5. Drive darling
  6. Railway
  7. Waltz for Pony
  8. Boris
  9. Oh boy
  10. Skin
  11. Silver streets
  12. July

Gesamtspielzeit: 47:56 min.

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mispel

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Registriert seit 15.05.2013

2013-09-29 13:20:38 Uhr
Perfektes Album für dieses herrliche Wetter. Yeah!
koe
2012-12-27 18:24:17 Uhr
Und Valeska Steiner sieht auch einfach verdammt gut aus. Schoen.
koe
2012-12-27 18:22:52 Uhr
Gerade kennengelernt. Total super. Genau das, was ich jetzt brauchte. Gesang klingt wie eine Mischung aus einer weiblichen Benjamin Gibbard und Feist. Klar, dass ich das nicht schlecht finden kann. Ist leider zu epigonisch um total durchzustarten.
qwertz
2012-07-09 11:15:00 Uhr
Ich weiß, dass ich spät dran bin, aber: Macchiato-Öko-Architekturstudentinnen-Pop der angenehmen Sorte. Schöne Untermalung für sonnige Tage.
Pilotwal
2012-06-25 13:56:29 Uhr
Weiß gar nicht, warum "Oh Boy" immer so schlecht wegkommt. Der Song ist doch ziemlich geil...
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