Apoptygma Berzerk - Harmonizer

Apoptygma Berzerk- Harmonizer

hard:drive / WEA
VÖ: 25.02.2002

Unsere Bewertung: 4/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Harmonieleere

Musikgeschmack und Mitbewohner - das sind mitunter milliardenmeterweit entfernte Mysterien. Zumindest bei mir und meiner WG-Kollegin. Sie geht gerne mal eine Runde Schwitzen beim Rave umme Ecke, ich dafür Gehirnzellen töten beim Steifen der Nackenmuskeln. Bisher gab es nur einige Ausnahmen, bei denen sich die Musikvorliebe in unserer Wohngemeinschaft auf weniger als Millimeter annäherte: Blackmail oder Die Ärzte, Dazordoreal sowie Fatboy Slim und eben auch Apoptygma Berzerk. Die Hits vom deren letzten Werk "Welcome to Earth" oder alte Hämmer wie "Non-stop violence" waren echte Zusammenhaltshymnen - wir gegen den Rest des geschmacksverächtenden Wohnblocks.

Hohe Erwartungen also an den Nachfolger, nicht nur in unserer WG, sondern vor allem wohl auch von Seiten des Majors, bei dem die Norweger mittlerweile untergekommen sind. Und damit das mit dem Geldverdienen auch gut klappt, bekam Stephan Groth zum ersten Mal einen Produzenten zur Seite gestellt: Alon Cohen, der schon bei Cardigans und Ice-T die Regler schubste. "This is the end of the first phase / Now it's time to move on", fabulierte Groth auf "Welcome to earth" und ließ die Frage nach dem Wohin offen. Mit "Harmonizer" wird das Ziel glasklar - APB wollen geradewegs in die Charts. Auf dem Weg begleiten sie zuckerwattesüße Synthi-Melodien mit reichlich Bumms unterm Hintern, die aber leider oftmals auch von Gigi D'Agostino stammen könnten. "Until the end of the world" ist ein radiotaugliches Wiederkäuen des '98er Hits "Eclipse", und "Something I should know" wagt den Rückgriff auf New-Order-Töne der mittleren Achtziger. "Drei Zitate ersetzen einen eigenen Gedanken" - Groth glaubt wohl an die Gültigkeit dieses Spruchs.

Mit "OK amp - let me out" und "Detroit tickets", die zusammen rund ein Viertel der CD-Länge ausmachen, offenbart APB eine weitere akute Schwäche von "Harmonizer". Sei es das zehnminütige, gleichgültige House-Beat-Feuerwerk mit Stakkato-Gewitter oder das siebenminütige Zusammengestöpsel verschiedener Sound-Frickeleien unterlegt mit einem Kinder-Keyboard-Rhythmus - es passiert herzlich wenig auf der CD. Einzige Pausenfüller zwischen der zähen Langeweile sind "Unicorn" und "Spin dizzy". Da holen Groth und Mitstreiter nochmal den anachronistischen Berserker-Hammer hervor und wüten mit Elementen ihrer dunkleren EBM-Tage, bevor scharfe Breaks den Höher in sphärische Refrain-Gefilde führen. Doch diese zwei Ausnahmen, reichen eigentlich nicht einmal für eine Maxi-CD.

"I know I lost / Please let me suffer in silence", ertönt Groth im Opener. Einsicht und Aufforderung - man würde den zum Kreativitätsallergiker mutierten Norweger glatt gewähren lassen, wenn er denn endlich still schweigen würde. "I've said enough / Please help me hide from the ghosts from my past for a while", schluchzt das geglättete Goldkehlchen weiter. Doch gerade die Geister, die APB früher rief, würden Apoptygma Berzerk vor dem vollständigen Fiasko noch erretten. Die glorreiche Vergangenheit jedoch ist passé. Was bleibt ist Groths ständiges Bemühen um harmonische Gesangslinien, denn nie zuvor hat jemand zum eigenen Untergang so freundlich und fröhlich das Stimmorgan vibrieren lassen wie der Stephan aus dem Norden. Immerhin wird "Harmonizer" in einem seinem Namen gerecht: Meine Mitbewohnerin und ich hockten über eine Stunde vor den Boxen friedlich zusammen, die Lautstärke kontinuierlich knapp über der Hörbarkeitsgrenze. Die Nachbarn hatten trotzdem wieder zu mosern - über das Rinnsaal salzigen Wassers im Treppenhaus.

(Daniel Löb)

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Highlights

  • Spin dizzy
  • Unicorn

Tracklist

  1. More serotonin - please
  2. Suffer in silence
  3. Unicorn
  4. Until the end of the world
  5. Rollergirl
  6. Spin dizzy
  7. Ok amp - let me out
  8. Pikachu
  9. Detroit tickets
  10. Photoshop sucks
  11. Something I should know

Gesamtspielzeit: 69:43 min.

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