Locas In Love - Lemming

Locas In Love- Lemming

Staatsakt / Rough Trade
VÖ: 01.07.2011

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Dickes Fell

Liebe Locas In Love, Ihr habt ja nicht einmal Unrecht mit dem Review-Bot auf eurer Website: Einfach die harten Fakten eingeben und in Sekundenschnelle einen gut durchgekneteten Wortteig zum zu besprechenden Tonträger herausbekommen. Wenn man als Musiker schon die immer gleichen Bemühtheiten über sich lesen muss, können die Schreiber sich wenigstens die Arbeit sparen. "Abgerundet wird das bemerkenswert vielseitige Werk dann mit einer fast zehnminütigen Folk-Mantra-Improvisation, wie man sie in dieser Form auch noch nicht von den Geschwistern gehört hatte"? Nein, danke! Ihr werdet verstehen, dass wir bei Plattentests.de nicht auf euer Angebot eingehen und uns nach bestem Gewissen und höchstpersönlich über "Lemming" und seine Urheber freuen. Wer sonst würde die Ehre angeblich suizidgefährdeter Nagetiere retten? Oder Winter-Konzeptalben veröffentlichen, wie es sonst höchstens noch Bob Dylan und Rolf Zuckowski tun? Wer könnte mit so viel Aufrichtigkeit Zeilen wie "Ein Loch ist im Ozean, Karl-Otto" singen? Wer vor allem würde mit Wärme und tocotronischer Lakonie selbst die fatalistischsten Parolen in so ein hinreißendes Pop-Album verwandeln?

"Das Licht am Ende des Tunnels ist ein Zug", verkündet der Eröffnungssong mit demonstrativer Inbrunst. Schon hier ahnt der Hörer: "Lemming" hat weiterhin all das, wofür man Locas In Love vor fünf Jahren von Herzen verabscheute oder aber tief in selbiges schloss. Nur der warme Schafspelz, der schon auf "Saurus" irgendwie misstrauisch machte, wird häufiger als bisher beiseite gezogen: Flauschiger Name hin oder her, es kratzt und kitzelt in klanglicher wie textlicher Hinsicht. Dezent scheppernde Noise-Einwürfe durchweben den unverändert detailverliebten Sound und fügen sich erstaunlich gut ein: Da wird zum Beispiel "Ist das Blut?" von einer blechernen LoFi-Gitarre vorangeprügelt, nur um sich letztendlich in friedlicher Nachbarschaft vor den feierlichen Trompeten niederzulassen, die "Manifest" beenden. Kein Widerspruch, eher ein sehr gelungenes Ausgleichsprogramm, das die in herzerwärmenden Synth-Pop gegossene Liebeserklärung "An den falschen Orten" mit der lärmigen Resignation von "Lemming (Es wird immer dasselbe sein)" kontert.

Aber diese Sichtweise allein würde natürlich manches unter den Tisch kehren: Da finden sich auch Beatles-Zitate, wo sie niemand erwarten würde und als Zugabe eine Orgel, die den Geist von "Strawberry fields forever" atmet, hier ein tippelndes 70er-Jahre-Klavier, da dann wieder grungiges Feedbackkrachen. Das sarkastische "Es ist alles wirklich so schlimm wie es scheint" kommentieren der wiegende Drei-Viertel-Takt und glasklare Gitarrenlicks mit zusätzlicher Ironie. "Una questa" lässt mit seiner Bonnie & Clyde-Romantik ein sonnengelbes Lalala-Finale aufleuchten, wo Sekunden vorher noch von Weltzerstörungsfantasien die Rede war. Wo der Zynismus nicht mehr weiterführt, landen Locas In Love wieder bei bewusster Naivität und der gemeinsamen Flucht ins Kleine: "Da ist kein Widerspruch darin, von Zerstörung zu singen und trotzdem weder bitter noch hart zu werden", besingt Björn Sonnenberg das, was das ganze Album ohnehin beweist. Alles verdichtet sich zu dem alten Motiv: Wir da drinnen gegen die da draußen, Liebe und Hass im proportionalen Verlauf. Man braucht eben ein dickes Fell heutzutage. "Lemming" könnte ein tolles Exemplar von dem sein, was sich gemeinhin "Diskurspop" schimpft oder adelt. Es ist weniger und mehr zugleich - und irgendwie ungleich schöner.

(Jana Fischer)

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Highlights

  • Manifest
  • Lemming (Es wird immer dasselbe sein)
  • Una Questa
  • Die zehn Gebote

Tracklist

  1. Über Nacht ist ein ganzer Wald gewachsen (Das Licht am Ende des Tunnels ist ein Zug)
  2. Road movie
  3. Auto destruct
  4. Es ist alles wirklich so schlimm wie es scheint
  5. Ist das Blut?
  6. Manifest
  7. An den falschen Orten
  8. Lemming (Es wird immer dasselbe sein)
  9. Spoiler Warning
  10. Una questa
  11. Die zehn Gebote

Gesamtspielzeit: 45:46 min.

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