Running Wild - The brotherhood

Running Wild- The brotherhood

GUN / BMG
VÖ: 25.02.2002

Unsere Bewertung: Ohne Bewertung

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Piratenträume

Es muß tief in der Nacht gewesen sein, als ich benebelt von allerlei bewußtseinserweiternden Substanzen durch die finsteren Gassen gestolpert bin und mir klarzumachen versuchte, warum dieser Abend wieder solch ein Ende hatte nehmen müssen. Von Morgendämmerung keine Spur. Die gefühlte Uhrzeit war der tatsächlichen weit vorausgeeilt, und ich hatte weder Hoffnung noch reelle Chance, die heimische Schlafstatt zu erreichen. Die Situation war vertrackt. Verlaufen, versoffen, verdreht - es war aussichtslos. Und es sollte noch viel, viel schlimmer kommen...

Ich entledigte mich auf hygienisch unsaubere Art einiger in mir rumorender Mageningredienzen und wollte meinen ziellosen Marsch fortsetzen, als mir plötzlich eine Ansammlung verdammt komischer Vögel gegenüberstand. Putzige Frisuren, aberwitzige Verkleidung, Bierdosen in der Hand. "Ist denn schon Karneval?", kalauerte ich mit letzter Kraft. "Wohl witzig, was?", erwiderte mein Gegenüber. "Ich bin Rock'n'Rolf und das sind meine Freunde." Bestimmendes Nicken, ritualisierte Handabklatscher.

"Zusammen", setzte er an, "zusammen sind wir Running Wild." Mit diesen erklärenden Worten bemächtigte sich die Horde meiner und verschleppte mich in einen nahen Keller. Rock'n'Rolf verband mit die Augen. Ich hatte mit dem Leben abgeschlossen. Doch statt mich zu erschießen, was im Nachhinein meine Rettung gewesen wäre, setze er mir Kopfhörer auf. "Eat this", sprach der Häuptling. Und ich aß.

Gitarrensalven, Doublebass-Gewitter und eine quäkige Stimme preschten durch meinen Gehörgang. "Welcome, welcome, welcome to hell / Visions, nightmares are fit to tell". Wie recht der Mann hatte. Ein Martyrium setzte ein und nahm kein Ende. Ich erlebte die ganze Tragik von Reimschemata aus dem Englisch-Grundkurs. Ich hörte Geschichten von Bruderschaften, Piraten und Geistern. Ich durchlitt die ganze Bandbreite des True Metal und sah mich selbst mit zarten fünfzehn Jahren und entsprechendem Outfit auf dem Iron Maiden-Konzert, das ich ansonsten immer gerne verschweige. Ich schämte mich für meine Vergangenheit. In den Pausen prosteten sich meine Verschlepper mit weiterem Bier zu. Ich resignierte. "What, what do you wanna be?", fragte der Prechorus. Mir kam nur ein schüchternes "Free!" in den Sinn, doch die Sache war noch nicht durchgestanden. "Dust is clouding their trace" plärrte es plötzlich, und auch ich stand mitten in einer Wolke, die sich irgendwie festgebissen hatte. Und dann war es - endlich - vorbei.

"Noch mal?", jauchzte mir Rock'n'Rolf entgegen und grinste breit unter seinem Piratenhut hervor. Ich wußte nicht mehr weiter, weder ein noch aus. Ich wollte nur noch raus. "Hier", brüllte er mir ins vertränte Gesicht. "Nimm die Scheibe mit und schreibe gut, oder wir sehen uns bald hier wieder." Diese Drohung saß, ich nahm Platte und Beine in die Hand und rannte um mein Leben. "Rock'n'Rolf is the law" war das letzte, was ich hinter mir wahrnahm. Alkohol und sonstige lähmende Zutaten hatten sich längst verflüchtigt. Ich rannte und rannte. Als ich glaubte, dem Grauen weit genug entkommen zu sein, öffnete ich mit einem ängstlichen Blick über die Schulter das Booklet. Und ich verstand. Unerwartete Zusammenhänge ergaben sich, die Verbindung zwischen den Bildern und der Musik ergab eine Einheit. Die Plattenfirma hatte den Sticker "Achtung, Satire" vergessen. Übelkeit und Lachen paarten sich.

(Torben Rosenbohm)

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Highlights

  • The brotherhood
  • The ghost

Tracklist

  1. Welcome to hell
  2. Soulstrippers
  3. The brotherhood
  4. Crossfire
  5. Siberian winter
  6. Detonation
  7. Pirate song
  8. Unation
  9. Dr. Horror
  10. The ghost

Gesamtspielzeit: 55:15 min.

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  • Running Wild (19 Beiträge / Letzter am 22.08.2012 - 21:04 Uhr)