Kellermensch - Kellermensch

Kellermensch- Kellermensch

Vertigo / Universal
VÖ: 24.06.2011

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Die unerträgliche Leichtigkeit des Schreiens

Es hat sich tatsächlich schon so etwas entwickelt wie ein kleiner Hype um die sechs Dänen von Kellermensch. Große Worte davon fallen, hier hätten sich die "Arcade Fire des Sludge" gefunden, von der schieren Wucht beim Konzert ganz zu schweigen. Vorweg: Das Potenzial dieser Band ist tatsächlich überlebensgroß. Kellermensch gelingt der Spagat zwischen Hit und Komplexität, zwischen untergründigem Popappeal und verkopfter Schwere. Die ziemlich hilflos herbeigezerrten Referenzen stehen da bloß beschämt nebeneinander und gucken irritiert auf die fremdelnde Nachbarschaft: Arcade Fire und Tom Waits und Neurosis? Auf einem Album? Klar, denn das ist Indie, das ist Pop, das ist Doom, und das ist Postpunk. Als Brüder im Geiste mögen ...And You Will Know Us By The Trail Of Dead oder Aereogramme gelten, die ähnlich nachdrücklich ihre Kerben in den Zeitstrahl alternativer Musik schlugen, indem sie sich wenig scherten um den Verhaltenskodex der Szenepolizei.

Dass das hier vorliegende Debüt nun schon knappe zwei Jahre auf dem Buckel hat, mag daran liegen, dass Kellermensch tatsächlich so schwer zu fassen sind, sie sich durch jeden Schubladenboden wie Säure fressen, und jedes Wort der Einordnung sofort schal wird. Abwegig ist der Gedanke nicht, dass Kellermensch altkluge Streber sind, die Haken um Haken schlagen, um den Hörer zum kleinlauten, nackten Erleben zu degradieren. Und es gelingt ihnen, diese auf dem Papier so krude wirkenden Assoziationen derart zu verschrauben, dass all das absolut folgerichtig, logisch, perfekt austariert erscheint. Sprachlos macht, mit welcher Hemdsärmligkeit Kellermensch bei "Army ants" aus den allerorts überbordenden Bruce-Springsteen-Zitaten mal eben den Song des Jahres zusammenklauben, wie sich im Getümmel des groovenden Hassbatzens "All time low" eine liebliche Melodie den Weg ans Licht freiboxt und Gitarrenwände im Cover "Don't let it bring you down" allen Ärger über Neil Youngs volkstümelnden politischen Impetus zermalmen.

Einzelne Songs aber spielen auf "Kellermensch" ohnehin schnell keine Rolle mehr, einfach deshalb, weil Kellermensch auf ihr Debütalbum gefühlt eine handvoll Songs des Jahres pressen. Da kommt es nur noch auf die Laune des Hörers an, Kellermensch vertonen für ihn ohne große Bedenken die vier Jahreszeiten und wildern nach Belieben in Genres, Stimmungen und Jahrzehnten. Man kann leicht erahnen kann, wie rasend manchen Headliner die Präsenz der (noch kleinen) Dänen im Vorprogramm machen dürfte. Und sie gehen freilich selbst dann in Würde von der Bühne, wenn sie sich im alkoholseligen "30 silver coins" schlurfend an der Folklore versuchen.

Kellermensch nehmen sich auf ihrem Debüt schlicht all das, was sie brauchen können. Das kann man für jugendlichen Hochmut halten, wenn nicht allzu klar wäre, dass sie auch hier genau wissen, was sie tun. Da verkommt es fast zur Trivialität, dass sie natürlich großartige Lyrics schreiben, natürlich den passgenauen Anzug dem verschwitzten Bandshirt vorziehen und natürlich mancher Liveclip superb gerät. Paradoxerweise ist es gerade diese Perfektion auf ganzer Linie, die gespannt darauf macht, in welche Richtung Kellermensch in Zukunft steuern werden. Denn diese Band weiß sehr genau, dass sie etwas Besonderes ist und für offene Münder und begeisterte Rezensionen sorgen wird. Ihr Debüt zeigt sich als die wohltemperierte Abrechnung mit den Klischees davon, was Indie und was Metal zu sein hat - und wie die Leute zu sein haben, die diese Stile hören wie machen. Kellermensch bestehen auf ihren Platz an der Sonne. Kaum auszumalen, was für eine Platte zu machen sie im Stande sind, wenn ihnen auch das völlig egal geworden ist.

(Nicklas Baschek)

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Highlights

  • Moribund town
  • Army ants
  • Narcissus
  • All time low
  • 30 silver coins

Tracklist

  1. Intro
  2. Moribund town
  3. Army ants
  4. Nothing left
  5. The day you walked
  6. Dead end
  7. Narcissus
  8. Black dress
  9. All time low
  10. Rattle the bones
  11. Don't let it bring you down
  12. 30 silver coins

Gesamtspielzeit: 40:14 min.

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