Mattias Hellberg - High in the lowlands

Mattias Hellberg- High in the lowlands

DevilDuck / Indigo
VÖ: 24.06.2011

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Hinauf in die Tiefe

Physikalisch ist es natürlich völliger Unsinn, zu behaupten, dass man in Musik versinken könne. Tatsächlich weiß jeder, der halbwegs funktionstüchtige Ohren hat: Die Wissenschaft irrt. Mattias Hellberg, Hansdampf in allen Gassen der schwedischen Musikszene, gehört zu jenen, die für dieses akustische Abtauchen bereits einige Beweise erbracht haben. Auf "High in the lowlands" liefert er - erneut und dem Titel zum Trotz - einige überraschende Untiefen.

Von psychedelischem Sound war in den Vorankündigungen die Rede. Bereits das nicht unbedingt subtile Wortspiel im Titel dockt an das unstete Löschblatt-Happening "Out of the frying pan into the woods" an. Das tatsächliche Ergebnis jedoch klingt weniger nach Kiffer-Geklampfe als nach einem Soundtrack für schwermütige Rotwein-Besäufnisse - nicht so schmerzhaft intim wie die Kollaborationen mit Martin Hederos, aber doch von einer Intensität, der man sich kaum entziehen kann. "Hell is not a place, it is a state of mind", besingt Hellberg in kilometerweiten Hall hinein den Kampf mit den inneren Dämonen, erzählt von im Kopf wütenden Hurricanes und Kriegen, die niemand gewinnen kann.

Die Lieder bewegen sich wenig - ihre Harmonien beharren oft stoisch auf wenigen Phrasen, umkreisen diese und leben von kleinen Veränderungen. Spätestens wenn beim Opener "Black cloud man" zum ersten Mal die obligatorische Mundharmonika erklingt, glaubt der Hörer sich im Schlafzimmer von Bruce Springsteen. Dort, wo dieser einst an einem einzigen Tag "Nebraska" aufnahm, hätte auch mancher Song von "High in the lowlands" als Bonus-Track abfallen können. Und natürlich, wo diese Seite einmal aufgeschlagen ist, verschafft Hellberg auch Bob Dylan mit "Born into being alone" seine Referenz. Das Lallen im Refrain jedenfalls liegt nicht mehr weit von jener Grenze des Schnapsglases entfernt, an dessen Grund "Rainy day women No. 12 & 35" lauert.

Für sich allein genommen könnte dies bereits ein schönes Album ergeben, aber kaum ein außergewöhnliches. Doch Mattias Hellberg gibt sich nicht damit zufrieden, den amerikanischen Folk-Kanon schwarz zu lackieren: "Nouvelle d'amour" präsentiert sich als ungewöhnlicher, mediterraner Hybrid: Hinter einem französischen Namen lässt Hellberg die Akustikgitarren spanisches Flair herbeizupfen, bevor im Hintergrund etwas erklingt, das sich verdächtig nach dem Flirren griechischer Bouzoukis anhört. "Like a sun" wiederum wartet mit einem Akkordeon auf, das im stoischen Dreivierteltakt die immer gleiche dissonante Akkordfolge dahinwalzt wie ein depressiver Zirkusclown.

Zwei Lieder später greift "Strange winds" Instrument und Rhythmus in noch langsamerer, fast morbider Form wieder auf. Ohnehin bleibt das Tempo reduziert: "Oh no" ist mit seinem gemäßigten Folkrock schon das schnellste der elf Lieder. Selbst ein klassisches Americana-Stück wie "Over & done" bewegt sich nur in Zeitlupe fort. Die hieraus entstehenden Untiefen sind es, die eine faszinierende Wirkung entfalten und die Entscheidung schwer machen: Lässt dieses Album seinen Hörer nun in seinen unheimlichem Niederungen frösteln oder liegt irgendwo dahinter doch tröstende Wärme? Beides, und zwar in eben dieser Reihenfolge. Und schon sind wir wieder bei der Physik. Es ist natürlich völliger Unsinn, dass Musik wärmen könne. Noch weit größerer Unsinn allerdings wäre es, zu glauben, Physik könne an dieser Stelle den tatsächlichen Empfindungen etwas ausreden.

(Jana Fischer)

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Highlights

  • Hell
  • Nouvelle d'amour
  • Moon

Tracklist

  1. Black cloud man
  2. Oh no
  3. Blue
  4. Hell
  5. Nouvelle d'amour
  6. You don't
  7. Born into being alone
  8. Like a sun
  9. Moon
  10. Strange winds
  11. Over & done

Gesamtspielzeit: 35:53 min.

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