Fliehende Stürme - Warten auf Raketen

Fliehende Stürme- Warten auf Raketen

Alice In ... / Dark Dimensions / Broken Silence
VÖ: 29.04.2011

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Der eiserne Vorhang

"Mittwochs ist der Krieg sehr kalt / Breschnew lauert in der Badeanstalt." Anfang der Achtziger hatte deutscher Punk mitunter eigenwillige Mittel, mit der bedrohlichen geographischen Lage zwischen zwei verfeindeten Machtblöcken umzugehen - grimmiger Humor war eines davon. Andreas Löhr gründete zu dieser Zeit in sehr jungen Jahren mit Bruder Thomas die Hardcore-Band Chaos Z, die sich bald in Fliehende Stürme umbenannte, um die Rohheit des Punk mit den maschinellen Depro-Qualitäten des Dark Wave von Bands wie The Sisters Of Mercy zu koppeln. Wie diese ersetzten Fliehende Stürme zwischenzeitlich das Schlagzeug durch einen Drumcomputer. Und vor ihren Platten hängt bis heute irgendwie ein eiserner Vorhang.

Der frühe Tod von Bassist Thomas Löhr Mitte der Neunziger konnte dem düster flammenden Punkrock der Band nicht viel anhaben: Etliche Besetzungswechsel später enthält auch ihr neuntes Album kaum vordergründige Aggressivität, sondern eine meist gedrückte, wenn auch schroffe Bestandsaufnahme persönlichen Scheiterns. Eher "Willkommen zur Alptraummelodie" als "Schlachtrufe BRD" - wobei viele dieser Albträume aus den Dingen bestehen, die man täglich nach dem Aufwachen erlebt. Seelische Höllen treffen auf moralische Bankrotterklärungen, nur gelegentlich schleicht sich vage Hoffnung auf Vertrauen und Zwischenmenschlichkeit ein. Beschreibungen von Kämpfen, derer man längst überdrüssig geworden ist und denen man doch nicht aus dem Weg gehen kann.

Fliehende Stürme sind also auch auf "Warten auf Raketen" alles andere als gut gelaunt - sie machen aber einen Haufen großartige Songs daraus. Etwa beim temporeich, aber entrückt zwischen Diesseits und Jenseits schwankenden Opener "Sterne" oder im tosenden "Führerlos", der wütenden Karikatur eines Protestsongs, der sich in der Welt nicht mehr zurechtfindet und darum auf verlorenem Posten steht. Sicher sind diese dunkelgrau gegen unsichtbare Widersacher und übermächtige Obrigkeiten klagenden Lieder in ihrer Verwundbarkeit angreifbar - aber dank des oft brachialen Gewandes auch mehr Kampfansage denn Befindlichkeitsklage. Der innere Schweinehund knurrt bei Fliehende Stürme jedenfalls andauernd, und es ist nur eine Frage der Zeit, bis er zubeißt.

Währenddessen streut die Band immer wieder musikalische Gimmicks ein: Im kampflustigen "Netze" knirscht sich eine fiese Noise-Rock-Gitarre durch die Strophen, über "Schatten" ziehen plötzlich Keyboard-Wolken auf, und "Tiefe" experimentiert pochend in Richtung grob gestrickter Elektro-Pop. "Vergiss diese Worte" fordert abschließend ein halbakustischer, suizidärer Country-Swing auf - und man wird das Gefühl nicht los, als höre man Fliehende Stürme dabei in ihrem unbeheizten Studio über beide Ohren grinsen. Was aber auch Einbildung sein kann. Doch obwohl vieles schiefläuft im Leben - auf "Warten auf Raketen" ist alles in bester Ordnung. Schöner scheitern? Kein Problem.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • Sterne
  • Führerlos
  • Schatten
  • Netze

Tracklist

  1. Sterne
  2. Führerlos
  3. Teilzeit
  4. Horizont
  5. Stahl
  6. Schatten
  7. Werk III
  8. Netze
  9. Tiefe
  10. Still
  11. Vergiss diese Worte

Gesamtspielzeit: 51:28 min.

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